"Conversations" in Düsseldorf: Eine Therapiesitzung mit Nick Cave

Gesprächsprogramm „Conversations“ in Düsseldorf : Eine Therapiesitzung mit Nick Cave

Der 61-jährige Rockstar stellte sich in Düsseldorf den Fragen seiner Fans. Ein Höhepunkt des intensiven Abends war der Scherz über die anwesenden Toten Hosen.

Dieser Abend war eine Mischung aus Therapiesitzung, Gedenkgottesdienst, Coaching, Beichte und Treffen der Anonymen Melancholiker. Und um zu ermessen, wie er sich anfühlte, sei folgende Szene beschrieben: Eine Dame aus dem Publikum bat Nick Cave, er möge das Lied „Deep Water“ spielen. Man merkte rasch, dass Cave die Bitte berührte. Denn dieses Lied schrieb er zusammen mit seinen Zwillingssöhnen Arthur und Earl. Kurz danach starb der 15 Jahre alte Arthur, als er in Brighton von einer Klippe stürzte. „Ich kann das Lied nicht bringen“, entgegnete Cave, „es gehört meinen Söhnen“. Er möge es spielen für seinen toten Sohn, insistierte die Dame, „und für meinen Sohn, der vor einem Jahr gestorben ist“. Cave zögerte und sagte, er werde einen anderen Song spielen. Und dann setzte er sich ans Klavier und sang „Into My Arms“, ein unglaublich schönes Stück, das auf diese Zeilen zuläuft: „I believe in love / And I know that you do too.“

Nick Cave trat in der Tonhalle in Düsseldorf auf, und er bot keinen traditionellen Konzertabend, sondern „Conversations“. Jeder der 1800 Fans konnte sich melden, um eine Frage an den 61-Jährigen zu richten. Diese Interaktion mit dem Publikum geht aus dem Blog „The Red Hand Files“ hervor, den Cave seit einigen Jahren betreibt. Sie gebe ihm Trost, sagte Cave. Ja, sie halte ihn am Leben, denn seit dem Tod seines Sohnes sei er ein anderer Mensch. Zwischendurch wurde der Raum verdunkelt und die Bühne in rotes Licht getaucht. Dann sang Cave Lieder am Piano: „Cosmic Dancer“ von T. Rex etwa, eine der wichtigsten Platten seines Lebens. Dann „Avalanche“ von Leonard Cohens Album „Songs Of Love & Hate“ – der düstersten Platte, die er kenne. Und eigene Klassiker: „The Mercy Seat“ und „Weeping Song“ etwa und ein herzergreifendes „Papa Won’t Leave You, Henry“.

Wenn er redete, stand Cave auf der Bühne, in der linken Hand das Mikro, die rechte in der Hosentasche. Er schritt lässig auf und ab, nahm die Fragen wie ein Freund entgegen, antwortete als Gentleman, ernsthaft und gewogen. Wie es ihm gehe, wollte jemand wissen. „Ich bin ängstlich“, antwortete Cave. Man erfuhr, dass Cave Nina Simone für die größte Künstlerin des 20. Jahrhunderts hält. Dass das größte Verbrechen von Eltern Ungeduld im Umgang mit ihren Kindern sei. Dass man Kindern einen Sinn für das Schöne in der Welt vermitteln müsse. Und dass man sein Verhältnis zu Frauen als „eine Mischung aus Hannibal Lecter und der Akropolis“ beschreiben könne.

Die Fragesteller waren aus England, Belgien oder Spanien angereist. Mancher wollte Cave nur rasch umarmen, ihm eine Rose übergeben oder ein selbstgemaltes Bild. Andere suchten Rat und Weisung, und manchmal wurde es geradezu heiter. Zum Beispiel, als jemand wissen wollte, ob Cave die Toten Hosen kenne. „Ja“, antwortete er. Er habe die Band in Berlin erlebt: „Sie hoben das Chaos auf ein neues Level. Totally fucked up.“ Als der Saal lachte, fragte Cave, ob die Gruppe von hier komme. Ja, hieß es, sie sitze vor ihm. Cave blickte verwirrt in die ersten Reihen, in denen Campino tief in seinen Sessel rutschte und Andi mutig die Hand hob. „Hi!“, sagte Cave. Und: Wenn er es sich genau überlege, seien die Hosen „sogar besser als Nina Simone“.

Seit dem Tod des Sohnes ein anderer Mensch: Nick Cave. Foto: Endermann, Andreas (end)

Drei Stunden dauerte der Abend. Bevor Cave von der Bühne ging, sagte er: „Ich fühle mich von euch gerettet.“

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