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Claudio Abbado: Der sensible Maestro

Dirigent Claudio Abbado ist tot : Der sensible Maestro

Im Alter von 80 Jahren ist der weltberühmte italienische Dirigent Claudio Abbado nach langer, schwerer Krankheit in Bologna gestorben.

Es war ein rührendes Bild, wie die beiden Oldies vor einiger Zeit im Luzerner Konzertsaal Hand in Hand auf die Bühne kamen, als schritten sie zum Tanztee. Dabei lagen, was das Naturell betrifft, Ozeane zwischen ihnen — zwischen Martha Argerich, der explosiven Latina am Klavier, die zu Musik gern den Turbolader anschaltet, und Claudio Abbado, dem vorsichtigen Klangtüftler am Dirigentenpult, der jedes Hasardieren scheut. Beide harmonierten indes prächtig, weil sie der Kunst in größtem Einvernehmen von gleichsam entgegengesetzten Seiten dienten. Sie waren einander Vertraute, Verbundene und liebste Weggefährten.

Für den großen Claudio Abbado, der 80-jährig nach langer Krankheit in Bologna gestorben ist, waren solche Stunden sorgenlos. Er besaß ein misstrauisches Gemüt, weswegen er im Alter zwei Orchester gründete, das Luzerner Festival Orchestra und das Orchestra Mozart, und alle Musiker persönlich berief.

Als er Luzern zur neuen geistigen und räumlichen Heimat machte, konnte er sich, wie er es sich stets gewünscht hatte, dem reinen, apollinischen Dasein hingeben. Hier galt's der Kunst, einzig der Kunst, alle strebten nach ihr — und die Schweiz wieder einmal als Asyl der Musik und ihrer Diener.

Als wir ihn dort letztmals hörten, spürten wir, wie minuziös Abbado seine Welt um ein Arbeitsfeld erweitert hatte: die Wiener Klassik. Der Abend begann mit Beethovens "Leonoren"-Ouvertüre Nr. 2 — mit Zonen wundervoller Geheimnisse, aber auch mit jubelnder Attacke. In Mozarts d-moll-Klavierkonzert traf er sich mit Argerich in der Gesinnung, das Werk nicht zu dämonisieren; es wurde nicht Richtung "Don Giovanni" gebrieft. Es handelte sich vielmehr um eine fast kammermusikalische Konzeption, um lebendige Zwiesprache mit Bläsern, um einen sehr genau abgetasteten Orchesterklang, in dem nichts einfach nur so passierte.

Nach der Pause balancierte Abbado Beethovens Vierte auf dem wundervoll angstfrei beschrittenen Grat zwischen sinfonischem Vollklang und historisch rückversicherter Artikulation. Es gab da Momente einer sich selbst erschaffenden Freiheit, die auch den Norringtons und Gardiners dieser Welt nicht schöner gelang. Noch wundersamer Schuberts "Rosamunde"-Musik, die wie klingende Glasbläserarbeiten wirkte, zerbrechlich, aber nicht dürr. Die Musik verschickte ein köstliches Psst in den Saal, und in der Tat hätte man eine Stecknadel fallen hören können.

Abbado wurde am 26. Juni 1933 in Mailand geboren, einer Weltstadt, in der auch jenseits der Scala die Welt voller Verdi und Puccini war. Befruchtungen spendete seine Kinderstube: Der Vater war ein sehr guter Geiger, die Mutter Klavierpädagogin und Kinderbuchautorin. Dieses Klima eines Alltags, der von Tönen, Poesie und Phantasie durchflutet war, beförderte das Talent des Musikers ideal. Mit 16 Jahren war er reif fürs Konservatorium, aber es wurde kein Schmalspur-, sondern ein Breitbandstudium.

Orchesterleitung stand erst später auf dem Stundenplan, anfangs bevorzugte Abbado neben dem Klavier die Komposition, weil er die Grundlagen des Machens von der Pike auf lernen wollte. Dieses Wissen machte er sich später zunutze, als er etwa zu Werken seines Landsmanns Luigi Nono aufbrach; wer die raffiniert-komplexe Kontrapunktik der Moderne studiert hat, versteht und dirigiert sie besser. Auf der anderen Seite dieser Zuwendung zu den polyphonen Texturen der Musik stand seine mehr als liebhaberhafte Beschäftigung mit den Orgelwerken Bachs.

Abbados erste Opernaufführung dirigierte er mit Sicherheitsabstand: "Die Liebe zu den drei Orangen" in Triest. Prokofieff in der Provinz, das konnte nicht schiefgehen. Es wurde aber hinreißend, und die Scouts aus Mailand kehrten mit guten Botschaften zurück: Der junge Mann war auch als Dirigent eine flammende Begabung. 1958 gewann er den Koussevitzky-Wettbewerb von Tanglewood. Von 1961 an dirigierte er an der Scala.

Die Stationen von Abbados Karriere: Mailand und Wien, London und Berlin. Die Arbeit war stets inspiriert, aber Abbado kein einfacher Chef. Seine Krebserkrankung machte ihn dann vollends dünnhäutig. Vor allem beherrschte er die Gabe der Diplomatie nur begrenzt. Das führte in seiner Zeit bei den Berliner Philharmonikern zu Reibungen, die seine Demission zur Folge hatten.

Wenn Abbado auch als universell kompetenter Musiker galt, so gab es in seinem Wirken doch Fixpunkte. Allzu expressives Musizieren, womöglich mit einem Zug in den Exhibitionismus, war seine Sache nie, worunter einige seiner Verdi-Aufnahme ein wenig leiden.

Doch bei Gustav Mahler war und ist Abbado neben Kubelik, Bernstein, Walter und Barbirolli bis heute einer der Leuchttürme — vorbildlich in der Ausleuchtung polyphoner Verläufe, doch auch exemplarisch in der Reise zu den ekstatischen Prozessen der Musik. Die Aufnahme der Dritten mit dem Lucerne Festival Orchestra ist ein Glücksfall aus Inspiration und Harmonie. Sie zählt zum Reifsten, Erfülltesten, das je auf Schallplatte hinterlassen wurde.

Sogar Abbado selbst fand an ihr nichts mehr zu nörgeln.

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(RP)