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Pop statt Techno: Chemical Brothers: "Push the Button"

Pop statt Techno : Chemical Brothers: "Push the Button"

Eines vermittelt das nunmehr fünfte Album allemal: Die Chemical Brothers sind ruhiger geworden. Die Aggressivität von Hard Rock, die mittels Samplern und Synthesizern nachgeahmt wurde, ist fein austarierten Songstrukturen gewichen. Dabei wirkt "Push the Button" ungewohnt frisch.

Kennen gelernt haben sie sich in einer Univorlesung über das Mittelalter. Inzwischen wirken Tom Rowlands und Ed Simons, besser bekannt als die Chemical Brothers, selbst etwas mittelalterlich. Dass die Elektronikformation das Ende des Big-Beat-Rummels in der zweiten Hälfte der 90er trotzdem einigermaßen unbeschadet überstanden hat, zeigt ihr neues Album "Push the Button", das seit Montag in den Läden steht.

Elf Jahre sind die Chemical Brothers nun im Geschäft - in der schnelllebigen Dance-Szene eine halbe Ewigkeit. Zunächst brachten sie es als DJs in Manchester zu regionalem Ruhm. Sie kopierten den so genannten Balearen-Sound, wie ihn britische Rave-Touristen Mitte der 80er auf Ibiza zu schätzen gelernt hatten.

Als die stumpfen Techno-Beats und kitschigen Trance-Melodien Mitte der 90er niemand mehr hören mochte, schlug die große Stunde der Chemical Brothers. Der Techno-Impressario Andrew Weatherall nahm sie unter Vertrag. War ihre erste Single "Song to the Siren" noch in einer Miniauflage von 500 Stück erschienen, so prägte das Longplay-Debüt "Exit Planet Dust" 1995 bereits ein ganzes, wenn auch kurzlebiges Genre: Big Beat.

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Zusammen mit The Prodigy waren die Chemical Brothers die einzigen Vertreter dieser Stilistik, die die Aggressivität von Hard Rock mit Samplern und Synthesizern nachahmte. Das Computer-Duo spielte im Vorprogramm von Oasis, dessen Frontmann Noel Gallagher Vocals zu ihrer Single "Setting Sun" beisteuerte. Das zweite Album erschien 1996 und machte die Chemical Brothers für einen kurzen Moment zu Superstars. Das alles sei Geschichte, befinden die Ex-Historiker Rowlands und Simons heute auf ihrer Internetseite.

Klangteppich fürs Wohnzimmer

"Das neue Album 'Push the Button' ist so wie all die vorangegangenen und doch ganz anders", heißt es dort. Es sei eben ein Nachfolger des Debüts, des vorigen Albums und aller dazwischenliegenden Veröffentlichungen. Dagegen lässt sich kaum etwas einwenden. Trotzdem klingt "Push the Button" ungewohnt frisch. Der alte Bombast ist fein austarierten Songstrukturen gewichen, "Galvanize" und "The Boxer" haben regelrecht Pop-Appeal. Das hypnotische "Come inside" oder das atmosphärische "Hold tight London" eignet sich gar als Klangteppich fürs heimelige Wohnzimmer.

Ihre schwächsten Momente haben die Dance-Heroen bezeichnenderweise dann, wenn sie sich an clubtauglichen Tracks versuchen. Stücke wie "Believe" bestehen nur aus DJ-typischen Effekten und futuristischen Sound-Kaskaden, die sich überlebt haben. Dass die Chemical Brothers diesem Genre entwachsen sind, zeigt "Left right" auf beinahe tragische Weise: Zu Standardrhythmen wird hier der Irakkrieg kritisiert. Der Rap-Part gipfelt gar in einem albernen Bush-Saddam-Vergleich.

Im Club dürfte dies kaum wirklich interessieren: Die Leute wollen tanzen. Und sich an ihre wilde Jugend erinnern, als man den Namen Chemical Brothers noch als Verherrlichung von Ecstasy-Konsum verstehen durfte. Die Chemical Brothers sind ruhiger geworden.