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CD-Kritik Joni Mitchell Archives – Vol. 1: The Early Years (1963-1967)

„Archive“-Box mit frühen Aufnahmen : Wie Joni Mitchell wurde, wer sie ist

Eine Box versammelt großartige Lieder, die die Kanadierin vor Veröffentlichung ihres Debütalbums einspielte. Die Neuerscheinung ist für das Verständnis des Werks von Joni Mitchell so erhellend wie die „Anthology“-Reihe für das der Beatles.

Sie hieß damals noch Roberta Joan Anderson, sie war erst 20, und sie stellte sich hin, spielte Ukulele und sang eine Version von „House Of The Rising Sun“, die so schön ist, dass man gleich morgen nach New Orleans ziehen möchte. Im Jahr 1963 war das, und es ist die früheste Aufnahme jener Frau, die man heute als Joni Mitchell kennt und die vielleicht die größte lebende Popkünstlerin ist.

„Joni Mitchell Archives – Vol. 1: The Early Years (1963-1967)“ heißt die Box mit fünf CDs, auf der diese Ausgrabung zu finden ist. Die Box bietet nicht den handelsüblichen Kleinkram, den Plattenfirmen häufig aus den Archiven großer Musiker zusammenkehren. Diese Veröffentlichung von Liedern, die Mitchell vor Veröffentlichung ihrer Debüt-LP „Song To A Seagull (1968) einspielte, ist essentiell, weil sie dokumentiert, wie Mitchell wurde, wer sie ist. Und das Sensationelle dabei ist gar nicht mal, dass aus dem unbekannten Mädchen Joni Mitchell wurde. Sondern: mit welcher Geschwindigkeit. Innerhalb von drei Jahren entwickelte die heute 77-Jährige ihre Art zu spielen und zu singen. Und vor allem: ihre einzigartige Weise, von sich selbst zu erzählen.

Der DJ einer lokalen Radiostation im kanadischen Saskatoon erkannte früh das Talent dieser Frau, und er lud sie ein, in seinem Studio Aufnahmen zu machen. Umarmen möchte man ihn noch so viele Jahre später außerdem dafür, dass er Joni Mitchell überredete, die Ukulele gegen die Gitarre einzutauschen.

In der Sammlung enthalten ist ein Konzert, das Joni Mitchell 1967 in einem Studentenheim in Ann Arbor gab. Die Aufnahmen wurden erst vor zwei Jahren gefunden, und sie beweisen, wie falsch Mitchell mit ihrer Selbsteinschätzung liegt, sie sei damals ja nur „ein Mädchen auf Helium“ gewesen, das Folk gespielt habe. Sie musiziert hier bereits nahe am Jazz, sie hat eine Polio-Erkrankung überwunden, eine kurze Ehe beendet und ein Kind geboren und zur Adoption freigeben, weil der Vater lieber alleine ins warme Kalifornien gehen wollte. So steht sie also da, kurz vor Weihnachten, und singt eine erste Version des zu Herzen gehenden „Little Green“ über ihre Tochter, das offiziell erst 1971 auf ihrem Meilenstein „Blue“ erscheinen sollte: „Born with the moon in cancer / Choose her a name she will answer to.“

Diese Box ist für das Verständnis des Werks von Joni Mitchell so erhellend wie die „Anthology“-Reihe für das der Beatles. Im Begleitheft erklärt sie, warum sie mit sieben den Klavierunterricht aufgegeben hat. Sie möge die Stücke spielen, wie die Meister es vorgegeben haben, mahnte ihr Lehrer. Joni Mitchell entgegnete: „Ich habe keine Meister, denen ich folgen möchte.“