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Boris Blachers Oper "Romeo und Julia" als Stream in der Rheinoper

Neue Produktion der Rheinoper : Tödliche Liebe im Labor

Boris Blachers Kammeroper „Romeo und Julia“ von 1943 hatte Online-Premiere der Rheinoper. Das knapp einstündige Werk konzentriert die Handlung ganz auf das tragische Paar.

Viele von uns sitzen seit einer gefühlten Ewigkeit daheim und genießen mangels anderer Möglichkeiten mehr und mehr die kulturellen Angebote per Stream. Konzert aus London? Oper aus New York? Ballett aus Berlin? Bitteschön, kommt sofort per Klick. Ja, für manchen hat sich eine neue Behaglichkeit ergeben, dabei gibt es doch nichts Schöneres, als sich samstags nach der Fußballbundesliga zu duschen, das Kleid und den Anzug herauszuholen, sich chic zu machen und dann in die Opernpremiere zu gehen.

Hätten wir jetzt gern auch bei Boris Blachers kaum bekannter Kammeroper „Romeo und Julia“ gemacht, die an der Rheinoper Düsseldorf/Duisburg herauskam. Aber die Corona-Restriktionen haben auch diesen Besuch durchkreuzt. Also erstmals wieder Oper, doch auch sie auf der Couch.

Allerdings ging der Plan mit der Behaglichkeit nicht auf, denn diese Oper ist voller Absicht kein Werk für den Genuss, fürs Schlemmerdenken auf akustische Art oder für Arienwonnen. Dieser „Romeo“ ist ein „Anti-Romeo“, ein geistiges geschärftes Werk, das jeglichen szenischen Ballast abwirft und die Liebesgeschichte als bitteres Konzentrat in den Vordergrund stellt, durch die ein Conférencier führt. Warum kennt man das Stück nicht, und wer ist überhaupt der Komponist?

Boris Blacher wurde 1903 als Sohn eines international tätigen Bankdirektors in China geboren; in Sibirien und der Mandschurei wuchs er auf. 1922 kam er über Paris nach Berlin, wo er seinen neuen und endgültigen Lebensmittelpunkt fand. Seine Kammeroper „Romeo und Julia“ entstand in wilder, umtoster Zeit – im Jahr 1943, als die Bomber flogen und der deutsch-estnische Komponist in Berlin mit einer schweren Lungenentzündung darniederlag. Trotzdem raffte er sich auf, im Stile von Kurt Weill und mit Spurenelementen von Paul Hindemith eine Kammeroper zu schreiben, die mit denkbar kleiner Besetzung und den Beigaben des Klavierchansons eine antiromantische Version zu bieten hat – ohne den großen Orchesterrausch, dafür mit einem Chor sozusagen zur Kommentarfunktion. Der Berliner Musikkritiker Hans Heinz Stuckenschmidt schrieb: „Ein Werk, das mehr verschweigt als aussagt“ und trotzdem „in seiner Ausgespartheit an ein kleines Wunder“ grenzt.

In der Rheinoper hat der Regisseur Manuel Schmitt diesen „Romeo“ im Bühnenbild von Heike Scheele sehr intelligent auf eine zentrale Spielfläche gestellt, die gleichermaßen zeremonieller Raum und Boxring ist, Tanzboden und Zirkusarena. Hier gibt es kein Entkommen aus dem Scheinwerferlicht; ringsum stehen auf erhöhter Galerie die Kommentatoren, die einem liebesfeindlichen Laborversuch beiwohnen. Trotzdem hat die Produktion nichts Aseptisches, im Gegenteil, ihr wohnt jenes Theaterfeuer inne, wie es an starken Brecht-Abenden das Publikum entzündet. Und ja, es gibt Momente, die unmittelbar zu Herzen gehen, lyrisch gewirkt sind und trotzdem expressiv.

Lavinia Dames und Jussi Myllys singen das hohe Paar exzellent, mit jenem Ausdruck, dessen Intensität an den rechten Stellen auch durch Zurückhaltung entsteht. Florian Simson ist ein scharf skizzierender Chansonnier, in weiteren Rollen sind, sehr verdienstvoll, die Damen und Herren Kuncio, Morloc, Gürle, Sulbarán, Pop, Kante, Weixler und Pütz wie ein erlesenes Ensemble zu erleben. Der kleine Chor klingt großartig, und das Kammerorchester der Duisburger Philharmoniker (neun Musiker) unter Christoph Stöcker zeigt sozusagen musikalisch klare Kante.

Kulinarisch ist das alles nicht, aber ungemein überzeugend. Und der Tod zu zweit mit den aus den Schnürboden rieselnden Blättern des Herbstes ist ganz stark.