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Bob Dylan: Die Basement Tapes sind da, sein verlorenes Meisterwerk

"Basement Tapes" : Bob Dylans verlorenes Meisterwerk

Die "Basement Tapes" gelten als heiliger Gral in der Biografie Bob Dylans. 47 Jahre nach ihrer Entstehung liegen sie nun komplett vor.

In dieser Box mit ihren sechs CDs ist ja nicht nur Musik, ebenso faszinierend sind die Geschichten darin. Die eine geht so: Am 29. Juli 1966 verunglückte Bob Dylan mit seiner Triumph 500. Er kam in Neuengland von der Straße ab und rutschte einen Hang hinunter. Einem Biografen erzählte Dylan später, er sei von der Sonne geblendet worden, einem anderen, er sei in einer Öllache ins Schleudern geraten. Wie schwer er sich damals verletzte, blieb unklar. Einige Zeitungen schrieben, Dylan liege im Sterben, andere raunten etwas von Koma; er sei schwer entstellt, vor allem im Gesicht. Die Plattenfirma gab vorsorglich eine Best-of-LP heraus. Dylan selbst meldete sich nicht, ließ sich nicht blicken, wurde zum Phantom, zum Gespenst.

Sicher ist, dass Dylan vor dem Motorradunfall ein Wrack war. Er hatte zwischen 1962 und '66 sechs Alben veröffentlicht, die für ein Leben reichen. "Bringing It All Back Home", "Highway '61 Revisited" und "Blonde On Blonde" - die erste Doppel-LP der Musikgeschichte - heißen die großartigsten. Er war zur Stimme einer Generation geworden, zum Sänger gegen den Vietnamkrieg, überhaupt zur Verkörperung des Dagegen. Er klagte die korrupte, autoritätsgläubige Mittelklasse an und spie ihr sein "Blowin' In The Wind" vor die Füße.

Allerorten buhte man Dylan aus

Aber am 25. Juli 1965 brachte er die Fans gegen sich auf. Er tauschte beim Newport Folk Festival die akustische gegen die elektrische Gitarre und trat in Begleitung einer Rockband auf. Er hatte sein Haar toupiert, trug einen modischen Blouson. Er setzte den Folk unter Strom und schlug ihn kaputt. Für seine Zuhörer war er nun einer von denen, den Arrivierten. Die anschließende Tournee wurde zum Desaster. Allerorten buhte man Dylan aus, er absolvierte die Auftritte zugedröhnt, und der Höhepunkt war erreicht, als ein Fan ihn in Manchester als "Judas" beschimpfte.

Das ausgebrannte Genie dürfte also ganz froh gewesen sein, dass sich nun eine Gelegenheit bot, Pause zu machen. Er zog sich in sein Haus in der Nähe von Woodstock zurück und genoss das Familienleben. Und er musizierte unbehelligt von der Öffentlichkeit. Im Keller eines angemieteten Anwesens, das wegen des ungewöhnlichen Anstrichs "Big Pink" genannt wurde, traf er sich täglich mit Robbie Robertson, Garth Hudson, Rick Danko, Richard Emanuel und Levon Helm, die später als The Band berühmt wurden. Im Frühjahr und Sommer 1967 spielten sie, was ihnen in den Sinn kam: Lieder von Curtis Mayfield und Frank Sinatra, von Hank Williams und Johnny Cash. Sie vertonten Kinderreime und Nonsens, und zwischendrin probierte Dylan mit neuen Stücken herum, manche entstanden erst beim Singen. Es wurden immer mehr, es sprudelte aus ihm heraus.

Dylan suchte nach Reinheit

Man muss sich das vorstellen: Zu einer Zeit, als die Beatles Sitar-Spieler einflogen und mit Bandmaschinen im Abbey-Road-Studio experimentierten, reiste Dylan zurück, näherte sich selbstvergessen und absichtslos den einfachsten musikalischen Ausdrucksformen seiner Heimat, sang Traditionals und Gospels, Blues und Hillbilly. Es war so, als würde er sich auf diese Weise reinigen, sich dem Zugriff des Publikums entziehen, von den Moden entfernen. Ständige Beweglichkeit wurde zu Dylans Lebensform, er suchte nach der Reinheit, dem verlorenen Ursprünglichen und schreckte dabei vor nichts zurück.

Die Musiker ließen irgendwann ein Bandgerät mitlaufen, weil ihr Manager Stücke aus dem Keller als Demos an andere Künstler verkaufen wollten. Der Plan ging auf: Manfred Mann machte "Mighty Quinn" in einer aufgemotzten Version zum Hit, die Byrds "You Ain't Goin' Nowhere", Julie Driscoll "This Wheels's On Fire" und Peter Paul & Mary "Too Much Of Nothing". So machte die Neuigkeit die Runde, dass Dylan lebte und produzierte, und zwar revolutionäre Sachen.

47 Jahre bis zur Offenbarung

Das ist die zweite Geschichte, die diese Box erzählt: Sie handelt von der Kraft der Musik, die sich ihren Weg bahnt. Die meisten dieser Lieder kursierten auf illegalen Platten, die von geraubten Bändern gemacht wurden. Das Magazin "Rolling Stone" startete gar einen Aufruf, der Dylans Plattenfirma zur legalen Veröffentlichung der Stücke bewegen sollte - sie seien doch ohnehin in der Welt. 1975 gab es tatsächlich eine offizielle Doppel-LP: "The Basement Tapes" mit 16 Songs aus dem Keller, dazu acht von The Band. Robbie Robertson hatte sie indes stark bearbeitet, etwa unterschiedliche Versionen eines Songs zu einer neuen Aufnahme gemischt.

Erst jetzt erscheinen alle 138 aufgenommenen Lieder in den Original-Versionen - 47 Jahre haben sie gebraucht, um ans Licht zu kommen. Und was man da hört, ist verblüffend. Vor allem, wenn man sich den Kontext vergegenwärtigt. Es war die Hochzeit der Psychedelia, und womöglich ist es auch Dylan zuzuschreiben, dass nun die Superstars jener Epoche zur Einfachheit zurückkehrten: Die Beatles ließen auf "Sgt. Pepper" die "Get Back"-Sessions folgen, die Rolling Stones auf "We Love You" die LP "Beggars Banquet" und die Byrds auf "Dolphin's Smile" ihr Album "Sweetheart Of The Rodeo".

Selbst eingefleischte Dylan-Fans bekommen Neues

Dylan meldete sich Weihnachten 1967 aus der Eremitage zurück. Er veröffentlichte "John Wesley Harding", ein Album, das nichts von den "Basement Tapes" enthält, dafür asketische Countrymusik. Er hatte Gedichte geschrieben und vertont. Er sang über Themen, die es in der Popmusik nicht gab: von der Bibel über Kafka und von altenglischen Moralities bis zum Wilden Westen war alles gleich wichtig. Dylan war jetzt unberechenbar, ein Drifter, der sich niemandem verpflichtet fühlte. Er war ein anderer.

Von dieser Entwicklung künden die "Basement Tapes". Eingefleischte Dylanologen, die jede illegale Veröffentlichung besitzen, werden auf den sechs CDs immerhin 30 Stücke finden, die sie nicht kennen - darunter das spektakuläre "Sign Of The Cross", das Dylans Schwenk zum Religiösen andeutet. Alle anderen haben eine Schatzkiste vor sich, in der sie Dutzende Kompositionen finden, die zu den großen Songs der 60er Jahre gehören. "I'm Not There" etwa. Oder "Four Strong Winds", "Spanish Is The Loving Tongue", "Edge Of The Ocean" und "Mr. Blue". Natürlich ist hier nicht alles gelungen, die Aufnahmequalität ist zudem wechselhaft. Aber gerade das Disparate macht dieses Konvolut zum Ereignis.

Eine Mythensammlung

Man erlebt einen der wichtigsten Künstler des Rock in jenem Moment, da er zur Autonomie fand. Dylan erprobt neue Stimmlagen, und hier erkennt man das Säuseln, das er kurz darauf in "Lay Lady Lay" zur Perfektion bringen wird. In einigen Liedern hört man den Sarkasmus des späten Dylan, manche enden in Gelächter. Dylan hatte die Rockmusik als Ort großer Poesie entdeckt, sie war seit seinen frühen Platten nicht mehr nur Begleitung schöner Verse, sondern etwas Eigenständiges, Gültiges. Nun erhob Dylan das Scheitern zum Prinzip, er erlaubte sich, ständig neu zu beginnen, seine Masken zu wechseln. Dylan hob in seinen Texten die Zeitdimensionen auf - und das im Pop, der wie keine Kunstform ans Jetzt gebunden ist. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft flossen in eins. Dylan machte den Pop erwachsen, gab ihm Verstand. Wichtig war der Sänger, nicht der Song.

Darin liegt also die Bedeutung der "Basement Tapes". Es ist großartig, sie komplett vorliegen zu haben. Diese Veröffentlichung ist Mythensammlung und Dokument zugleich.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Bilder aus Bob Dylans Musikvideo "Like a Rolling Stone"

(RP)