Rotes und blauen Beatles-Album Das bietet die Neuauflage der legendären Alben

Düsseldorf · Das rote und das blaue Album der Beatles werden nach 50 Jahren neu aufgelegt. Die beliebten Hitsammlungen bekommen eine veränderte Titelliste. Irritationen inklusive.

 Das rote und das blaue Album der Beatles versammeln die größten Hits der Band.

Das rote und das blaue Album der Beatles versammeln die größten Hits der Band.

Foto: dpa/-

Es gab mal eine Zeit, da gehörten diese beiden Alben in jeden Haushalt wie Salz & Pfeffer, Essig & Öl und Messer & Gabel. Diese Doppel-LPs versammelten die besten Songs der Beatles, auf der roten waren Stücke aus den Jahren 1962 bis 1966, auf der blauen Lieder von 1967 bis 1970. Die Farbwahl ist treffend: In ihrer frühen Phase malten die Beatles die Welt rot an. Und dass sie sich 1970 trennten, stimmt einen heute noch traurig. Traurig heißt auf Englisch blue.

Nun erscheinen die 1973 erstmals aufgelegten Hitsammlungen, die zu den meistverkauften der Welt gehören, in neuen Versionen. Beim abermaligen Hören denkt man unwillkürlich an die Serie „Der Seewolf“, die bestimmt noch viele kennen. Darin gibt es eine berühmte Szene, in der der von Raimund Harmstorf gespielte Titelheld eine rohe Kartoffel in der rechten Hand zerdrückt (in Wirklichkeit war sie allerdings gekocht). Von zehn Menschen, die die Szene gesehen haben, haben zehn sie nachgemacht, aber keiner schaffte natürlich, was Harmstorf vermeintlich gelungen war. So gesehen sind die Beatles die wahren Seewölfe des Pop. Sie drückten den Saft aus acht Jahren ihres Zusammenseins: ein irres Konzentrat, Gelée royale. Niemandem ist bisher Ähnliches gelungen, auch wenn sich manche enorm anstrengen und aus Verzweiflung und Starrsinn noch mit achtzig pressen und die Zähne zusammenbeißen. Kein Saft hat ähnliche Qualität.

Das andere, was einen gleich wieder fasziniert, sind die Fotografien auf den Plattenhüllen. Der Fotograf Angus McBean gruppierte die jungen Beatles 1963 im Treppenhaus des Hauptquartiers ihrer Plattenfirma EMI in London. 1969 wiederholte er die Session am selben Ort, das Bild sollte das Cover der LP „Get Back“ schmücken, die dann aber nie erschien, sondern schließlich unter dem Titel „Let It Be“ mit anderem Artwork den Schlusspunkt der Band-Diskografie bildete.

Jedenfalls können einen die beiden Fotos fertigmachen: Nur sechs Jahre sollen dazwischen liegen? Wie kann das sein? Die Menschen darauf wirken doch um Lichtjahre gealtert! Und dann begreift man: Das später aufgenommene Bild dokumentiert im Grunde, was an musikalischen Erfindungen seit 1962 passiert ist. Und das war viel mehr, als natürlicherweise in so wenige Jahre passt, es war ein Quantensprung. John und Paul, George und Ringo präsentieren sich auf dem späteren Bild als buchstäblich durchgerockte Rückkehrer von einer Zeitreise, die sie weit in die Zukunft des Pop geführt hatte. Sie haben „Strawberry Fields Forever“ mitgebracht, „A Day In The Life“ und „Revolution“. Sie sind schon mal vorausgegangen, haben Berge versetzt und den Weg geebnet. Und dabei blieb keine Zeit, sich die Haare schneiden zu lassen.

Für die Neuausgabe mischte Giles Martin, der Sohn von Beatles-Produzent George Martin, die Titel mit dem Toningenieur Sam Okell neu ab. Und sie entschieden sich zu einem bemerkenswerten Schritt: Sie reicherten die in Stein gemeißelte Titelliste an. Das erste Stück, das sie dem blauen Album hinzufügten, ist „Now And Then“, das vor wenigen Wochen veröffentlichte „letzte Stück der Beatles“, das erst so unscheinbar anmutet und mit jedem Hören wächst und schöner wird. Der Titel der Platte stimmt nun nicht mehr, „Now And Then“ entstand ja nicht zwischen 1967 und 1970, sondern in den späten 1970ern; genau genommen ist es nicht mal von den Beatles, denn die gab es da ja schon nicht mehr. Anderseits ist es doch so, dass die Beatles eh allem Zeitlichen enthoben sind, und wenn man ehrlich ist, könnte man alle Popsongs von jeder beliebigen Künstlerpersönlichkeit auf „The Beatles 1963-1970“ packen, denn sie haben ihre Wurzeln in jenen Jahren und verdanken dieser Band alles.

Etwas strittiger wirkt die Entscheidung, neben „Now And Then“ weitere acht Titel auf das blaue Album zu packen. Warum ausgerechnet diese? Das tränenschwere und dennoch leichtfüßige „Blackbird“? Klar, geht gar nicht anders, muss sogar. Aber „Hey, Bulldog“? Und „Oh! Darling“? Echt? Anderseits klingen beide Stücke im neuen Mix natürlich toll. Auf dem roten Album sind gleich zwölf neue Lieder. Auch da korrigierte man Fehler: Wie hatten „Here, There And Everywhere“ und „Tomorrow Never Knows“ damals nicht mit aufgenommen werden können? Aber sonst: Muss das sein? Sicher, Erweiterung des Kanons, die Beatles haben ja so viel zu bieten, und jedes zusätzliche Lied ist ein Gewinn. Aber man kann nicht bestreiten, dass das rote und blaue Album nun frisiert wirken, etwas tiefer liegen, ein bisschen aufgepumpt erscheinen. Sie sind - um mal einen Vergleich zu bemühen, der phonetisch nah am Gegenstand bleibt - eher Beetle als VW Käfer. Beides schöne Autos.

Vor 50 Jahren dienten die Alben dazu, den Käufern Lust auf die regulären Alben der Beatles zu machen. Außerdem sollten sie eine illegale Hitsammlung, die in den USA kursierte, durch etwas Offizielles ersetzen. Jene unerlaubt vertriebene Compilation auf vier LPs trug übrigens einen genialen Namen: „Alpha Omega“. Nichts passt besser auf das Werk der Beatles.

Heute sollen das rote und das blaue Album dafür sorgen, dass die Band nicht in Vergessenheit gerät. Die Platten sind dafür gemacht, von Älteren gekauft zu werden, um sie den Jüngeren vorzuspielen, damit die sie dann gut finden, am besten gemeinsam mit den Älteren.

The Beatles. Now. And Then.

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