Aufnahmen der großen Geigerin Ginette Neveu

Jubiläums-Edition : Verzehrendes Geigenspiel

Aufnahmen der großen Ginette Neveu, die 1949 bei einem Flugzeugabsturz starb.

Geigen-Enthusiasten laufen stets kalte Schauern über den Rücken, wenn sie an Ginette Neveu denken. Die Französin, 1919 geboren, hatte alles, eine der größten Geigerinnen des 20. Jahrhunderts zu werden, und ihre wenigen Aufnahmen zeigen, was sie an Anlagen und Werten besaß: expressives Feuer und Stil, Hingabe und Geschmack, Virtuosität und Vabanque-Mut. Und eine Stradivari. Leider stürzte 1949 das Flugzeug, das sie zu Konzerten nach Nordamerika bringen sollte, über den Azoren ab. Sie war erst 30 Jahre alt.

Neveus Aufnahme des Sibelius-Violinkonzerts von 1945 (mit dem Philharmonia Orchestra London unter Walter Süsskind) ist legendär. Bei ihr steigt Sibelius wie ein Phönix aus den finnischen Sümpfen. Im Jahr danach nahm sie in den Londoner Abbey Road Studios auch das Brahms-Konzert auf, und abermals war ihr Produzent kein Geringerer als Walter Legge, der berühmt-berüchtigte Star-Macher und -Verhinderer. Hier hat man das Gefühl, als beginne ihre Geige in der nächsten Sekunde zu brennen. Trotzdem verringert Neveu die Hitze in keinem Takt.

Nun hat Warner Classics als Jubiläums-Edition „Ginette Neveu – The Complete Recordings“ vorgelegt, was nicht ganz korrekt ist, weil beispielsweise die Aufnahme von Beethovens Violinkonzert mit dem SWR-Orchester unter Hans Rosbaud fehlt. Aber jene beiden Einspielungen sind nach wie vor singulär. Ergänzt werden sie in der 4-CD-Box um Chaussons „Poème“, Ravels „Tzigane“, die Debussy-Sonate und ein paar Kleinigkeiten und Bearbeitungen  von Kreisler, Chopin, de Falla, Gluck und anderen.

Wer war diese Ginette Neveu? Erkennbar eine Höchstbegabte. Den ersten Violinunterricht bekam die gebürtige Pariserin mit fünf Jahren von ihrer Mutter, bereits mit elf Jahren studierte sie am Pariser Conservatoire und bereits acht Monate später das Abschlussdiplom mit einem ersten Preis. Von 1931 bis 1935 unterrichtete Carl Flesch sie in Baden-Baden. 1935 gewann sie den Henryk-Wieniawski-Wettbewerb in Warschau und ließ ausgerechnet David Oistrach hinter sich.

Alsbald begann eine phänomenale Karriere, die durch den Augenschein vorangetrieben wurde: Wer sie live erlebte, der begegnete einer Amazone, die den Speer gegen die Geige eingetauscht hatte. Wenn sie spielte, verzehrte sie sich. Doch nie ging sie als Verliererin vom Podium.

Info „Ginette Neveu – The Complete Recordings“; vier CDs, Wanner Classics

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