"Behind The Lines": Anna Prohaska singt Soldatenlieder

"Behind The Lines" : Anna Prohaska singt Soldatenlieder

Das großartige Album "Behind The Lines" erinnert an die Kriege der Neuzeit. Die Sopranistin Anna Prohaska singt Soldatenlieder unterschiedlichster Komponisten.

Sie ist ein zartes Pflänzchen, eine Elfe im Opernfach. Das Rollenfach des Jugendlich-Lieblichen liegt ihr fraglos ausgezeichnet, aber wer ihre Plattenproduktionen verfolgt hat, der bekam einen tiefen Einblick von der geradezu hungrigen Neugier einer tiefsinnigen Künstlerin.

Die 1983 in Neu-Ulm geborene Sopranistin, die seit langem zum Ensemble der Staatsoper Berlin zählt, hat unter dem Motto "Sirène" schon den Spagat vom lauschigen Renaissance-Intimus John Dowland zum spröden Neoklassizisten Arthur Honegger gewagt; sie hat hart an der Moderne kratzende Lieder von Bernd Alois Zimmermann aufgenommen oder sich um Giovanni Pergolesis melodienseliges "Stabat Mater" gekümmert.
Nun aber haben ihr die Stylisten der Deutschen Grammophon alles Wonnige aus dem Gesicht und alles Herbe hineingeschminkt: "Behind The Lines", Prohaskas neues Album, beschäftigt sich mit dem Sujet des Soldatenlieds. Sie steht in einem grauen Mantel auf dem Bild des Covers und versammelt auf der CD eine höchst militante, höchst traurige Sammlung von Liedern unterschiedlichster Komponisten — von Ludwig van Beethoven ("Die Trommel gerührt") bis zu Kurt Weill ("Beat! Beat! Drums!"), von Robert Schumann ("Der Soldat") bis zu Charles Ives ("In Flanders Fields").

Überall die gleichen Muster, die gleichen Emotionen: Hörner und Trommeln rufen zur Schlacht, Soldaten sprechen sich selbst Mut zu, Mütter weinen um ihre Söhne, Frauen um ihre Ehemänner. Heimkehrer finden nur noch Ruinen vor oder werden von Bombergeschwadern angekündigt. Und manchmal scheint betend, bittend, flehend die Frage auf: Wie bekomme ich als Frau den zitternden Mann in meinen Armen, der das Furchtbarste erlebt hat, wieder beruhigt?

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Es sind die unermesslichen Szenarien vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Zweiten Weltkrieg, die in diesen Liedern Revue passieren. Ihre tönenden Zeichen sind mitnichten nur der punktierte Rhythmus, der Takt des Marsches, die Batterie der Trompeten, sondern die Töne der Elegie, des Schmerzes, der Angst, der Todesfurcht. Mitunter ist man auch hochrangig beunruhigt und irritiert — etwa über den großen Kurt Weill (damals längst in die USA emigriert), der einen Text von Walt Whitman aus dem 19. Jahrhundert so umfrisiert hat, dass er wie flammende Propaganda gegen Nazi-Deutschland klingt — das Land, aus dem er, der jüdische Komponist, fliehen musste. Da lesen wir diese Zeilen, gleichsam in die Hände der Soldaten gerichtet: "Schert Euch nicht um die Zaghaften, achtet nicht der Weinenden und Betenden; kümmert Euch nicht um den alten Mann, der den jungen Mann anfleht; weder die Stimme des Kindes soll Euch stören noch das Bitten der Mutter".

Höhepunkte der Platte: Gustav Mahlers expressives "Wo die schönen Trompeten blasen" und alle jene Momente, da man beim Hören erst nicht weiß, ob ein Marsch einem Aufbruch oder einem Begräbnis zugedacht ist.
Dass die Platte so gewaltig wirkt, liegt auch an dem Pianisten Eric Schneider. Er besitzt das, was man orchestrale Kompetenz nennt: Er kann sich bis zur Unhörbarkeit hinter die Solistin zurückziehen, er kann aber auch dominieren und donnern, dass einem angst und bange wird.

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