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Albumkritik "Letter To You" von Bruce Springsten

Neues Album „Letter To You“ : Bruce Springsteen sehnt sich ins gute Amerika zurück

Der Boss wird auf seiner neuen Platte „Letter To You“ wehmütig. Es liegt wohl an der düsteren Gegenwart seines Landes. Zum Album gibt es einen Film, der die Aufnahmen dokumentiert.

Der Boss sieht ein bisschen zerknautscht aus im Gesicht, und man muss sagen, dass er doch ein ganzes Stück älter wirkt, als man ihn in Erinnerung hatte. Das machen bestimmt die Sorgen um sein Land. Pandemie, Rassismus, Trump und jetzt die Präsidenten-Wahl: tough times für einen good american. Umso schöner, dass der 71-Jährige seine Fans nun einlädt zu sich nach Hause, ins Heimstudio nach New Jersey. Da sind die Kumpels von der E Street Band versammelt, jene Jungs, mit denen er seit 45 Jahren zusammenspielt. Draußen schneit es, aber die hölzernen Wände schützen Springsteen vor der emotionalen Kälte und dem Wetter. Er steht im bizepsnahen T-Shirt da, der Aufdruck, na klar: „USA“. One, two, three, zählt er und singt: „I took all the sunshine and rain / All my happiness and pain / And sent it in my letter to you“. Sein Studio wirkt in diesem Moment wie eine Arche Noah, eine Insel der Seligen. Brucetopia.

Bruce Springsteen veröffentlicht eine neue Platte, „Letter To You“ heißt sie, und zur gleichen Zeit wird beim Streamingdienst Apple TV+ die Dokumentation „Bruce Springsteen’s Letter to You” veröffentlicht. Der 90-minütige Film in gediegenem Schwarzweiß protokolliert die fünftägige Session, in der die moralische Instanz Amerikas das Album eingespielt hat. Es wurde live im Studio aufgenommen, keine Overdubs, ehrlicher Rock also, das ist Springsteen wichtig.

Natürlich nutzt Springsteen den von Thom Zimny gedrehten Film, um sich zu inszenieren, aber er tut das so charmant und überzeugend, dass man sich wünscht, man würde in der E Street Band wenigstens die Triangel spielen dürfen. Sie scherzen miteinander, sie fallen sich ins Wort, sie schäkern, und irgendwann lässt der Boss den Chef raushängen und sagt: „next take!“. Bestimmt zwar, aber herzlich, und dann singt er seine neuen und wehmütigen Lieder. Er erinnert sich an seine erste Band, die Castiles, in der er als junger Kerl spielte, und alle anderen Musiker von damals seien inzwischen tot. Er sei also der „Last Man Standing“. Das gleichnamige Lied ist ein Reisebericht durch ein verwehtes Amerika, und es dauert nicht lange, da wird klar, dass der Songtitel auch im übertragenen Sinne zu verstehen ist. Der letzte Aufrechte.

Zwölf Stücke hört man auf der Platte und im Film, neun neue und drei unveröffentlichte aus den 70er Jahren, die Springsteen erst jetzt aufgenommen hat. Überhaupt wird er ziemlich oft melancholisch in diesem Projekt. Er gedenkt der verstorbenen Band-Mitglieder, und er sinniert über das Sterben. Sein Gesicht wird dann über einen wahnsinnig schönen Wolkenhimmel geblendet, und dazu spricht Springsteen mit seiner inzwischen stark aufgerauhten und ziemlich tollen Stimme aus dem Off und beweist, dass er der wahre Philosoph von God’s own Country ist. Die, die gehen, sagt er, seien nicht wirklich weg. Sie leuchteten im Schatten, und wir sähen sie in unseren Träumen. „If Jesus was a Sheriff and i were the priest.“ Man würde ihm an dieser Stelle gerne gegen den Oberarm knuffen: Mensch, Boss!

Das ist eine schöne, stellenweise elegische Platte. Akustischer Spätherbst. Aber immer, wenn es allzu gefühlig zu werden droht, schalten die Jungs zum Glück einen Gang hoch – sie kennen ihren Bruce halt, manchmal muss man ihn anschubsen, sonst verliert er sich im Früher. Den Weltschmerz wegrocken. Er habe einst Gitarre spielen gelernt, um mit anderen in Austausch zu treten, sagt Springsteen. Und dieses Bedürfnis habe er immer noch, er fühle das Feuer in sich. Dazu summen die Gitarren, eine wall of sound schirmt das Lagerfeuer der guten Werte gegen die Verheerungen der Gegenwart ab. Sie reißen den Zuhörer in den besten Momenten mit, wie das nur ein Popsong schafft. Ein guter Popsong, sagt Springsteen, biete ein ganzes Leben in 180 Sekunden.

Direkten Bezug auf die Lage des Landes nimmt Springsteen nicht. Von einem Haus, das in Flammen stehe, metaphorisiert er einmal, und ein Clown kommt vor, der einen Thron gestohlen hat. Aber mehr ist nicht. Springsteen beschwört lieber die ewig grünen Ideale, auf die man sich besinnen möge: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Und Freundschaft. „Zusammen sind wir besser als alleine.“ Bisweilen ruft er er gar Gott an: „I’m reachin’ for heaven / We’ll make it there / Cause Darlin’, it’s just the power of prayer.“

Der Boss zu sein, sagt Springsteen irgendwann, sei übrigens nicht bloß ein Job. Sondern „vocation“, Berufung also. Hat man ja immer schon geahnt. „I’m alive and I’m comin’ home / Yeah I’m comin’ home“, singt er.

Hört sich gut an.