Die Scorpions machen Schluss: Abgesang auf das alte Westdeutschland

Die Scorpions machen Schluss: Abgesang auf das alte Westdeutschland

Düsseldorf (RP). Sie lieferte die Hymne zur Deutschen Einheit. 20 Jahre nach "Wind Of Change" beendet die Hardrock-Band Scorpions ihre Karriere. Das letzte Album erscheint am Freitag. Es ist ein Abgesang auf das alte Westdeutschland.

Die Scorpions machen Schluss. Und obwohl man die Band nicht mehr so gerne hören mag, ist das schade. Denn die Scorpions, das ist die alte BRD, und dass das übermorgen erscheinende Album das letzte sein soll, bedeutet: Da geht mehr zu Ende als die Karriere der beliebtesten Band im Land.

Ihre erste Platte veröffentlichte sie, als Willy Brandt noch Bundeskanzler war. Die zentralen Figuren Rudolf Schenker und Klaus Meine kommen aus der Provinz, Hildesheim und Hannover, sie hatten Elektriker und Dekorateur gelernt und Tollkirschen-Extrakt getrunken.

Das Debüt "Lonesome Crow" wurde 1972 von Conny Plank produziert, dem Mann hinter den frühen Kraftwerk-Platten. Man sollte das gehört haben, da gibt es jazzige Momente, Krautrock mischt sich mit Härterem, eines der Stücke dauert 13 Minuten, faszinierend. Die Japaner fanden's toll, Musik mit geschwollener Stirnader, die folgenden Alben ebenso: "Fly To The Rainbow", "In Trance" und "Virgin Killer". Es blieben ihre besten.

Sie schwitzen einiges zusammen

Allmählich entwickelten sie sich zu einer phallischen Band, die Scorpions schwitzen auf der Bühne einiges zusammen. Meine stellte sich bei Konzerten auf die Oberschenkel seiner Gitarristen, die für ihn brav das Unterholz sensten, das war die Scorpions-Pyramide, so stachen sie zu. Meine brachte die Songs im Falsett zum Höhepunkt, er reimte "Rock 'n' Roller" auf "Whiskey-Cola", und jeder wusste, dass er eher "Racke Rauchzart" als "Jack Daniels" meinte.

Die Musik der Scorpions war hart, und Härte sollte man hier als Synonym für Aufrichtigkeit und Schnörkelvermeidung verstehen. Während Metallica und Co. in späteren Jahren wirkten, als hätten sie ihre Lederhosen soeben höchstpersönlich von der schmerzgekrümmten Echse geschnitten, sahen die Scorpions aus, als habe sie ein beschwipster Mode-Zar übers Ohr gehauen. Zu viele Nieten, zu kräftige Farben, und durch die Frisuren wurde das Ganze erst recht zur Travestie-Nummer.

Bei allem Rummsbumms gaben sie sich doch optimistisch. Zur gleichen Zeit, als Gerhard Schröder - neben dem brasilianischen Erbauungsautor Paulo Coelho ihr größter Fan - am Zaun des Kanzleramtes in Bonn rüttelte und "Ich will hier rein" rief, klopften sie ans Höllentor und liefen ganz schnell wieder weg.

Die Scorpions waren die Klingelmännchen des Schwermetalls. Sie kämpften elektrisch verstärkt gegen Drachen, die im Keller jeder Doppelhaushälfte fauchen. "Rock You Like A Hurricane", aber zum Essen wollten sie wieder zurück sein. Das machte sie sympathisch. Die waren nicht härter als ihr Publikum, sie sangen den Kindern "Still Loving You" zur guten Nacht.

Eine Art Klassentreffen

Sie wurden in Japan und Amerika zeitweise so geliebt, dass Bands wie Bon Jovi bei ihnen das Vorprogramm bestritten. Leider verloren sie ihr Kerngeschäft allmählich aus den Augen. Sie waren nun so sehr Hardrock wie Gerhard Schröder in seiner Kanzlerschaft Sozialdemokrat war.

Klaus Meine verdeckte den kahler werdenden Kopf unterm Käppi, und statt Wutpredigten und Balladen schrieben sie Hymnen, daran erstickte noch jede Band. "Wind Of Change" ist ihr größter Erfolg, ein Lied, das Jahrzehnte nach der großen Zeit von Ilse Werner das Pfeifen in den Rock 'n' Roll zurückholte. Durch Zufall wurde der Song zum Soundtrack der Wiedervereinigung, und er ist ja wirklich zum Steinerweichen.

Fortan galten die Scorpions als Kanzler-Band. Meine und Schröder spielten gegeneinander Tennis, man duzte sich, die Band lieferte den Song zur Expo 2000: "Moment Of Glory". Die Scorpions traten in Anzügen und langen Jacken auf, und sie gaben ordentlich Zimt und Zucker an ihre Musik: eine Platte mit den Berliner Philharmonikern, ein Auftritt im portugiesischen Kloster, dazu Texte über "brennende Engel". Na ja.

Jetzt also "Sting In The Tail", das letzte Album. Eine Art Klassentreffen, viele Gäste, der Sound von früher, aber zu fett produziert und eigentlich egal. Die Eckkneipe stirbt, Berlin ist Hauptstadt, Guido Westerwelle Außenminister. Dass die Scorpions gehen, tut einem leid.

(RP)