60 Jahre Disco - Unter der Glitzerkugel im Aachener Scotch Club

60 Jahre Disco : Unter der Glitzerkugel

Heute vor 60 Jahren erfand Klaus Quirini im Aachener „Scotch Club“ den DJ – und damit die Diskothek. Über einen Sehnsuchtsort, der allmählich verschwindet.

Immer wieder samstags infizierte uns früher verlässlich das Fieber. Symptome und Therapie ließen sich nur schwer unterscheiden: Abtanzen bis zur totalen Erschöpfung, Reizüberflutung im Stroboskopgewitter bei gleichzeitiger Trommelfellfolter durch megawattstarke Boxentürme. „Wackeltreff“ hieß eine dieser Veranstaltungen, was zumindest begrifflich an Schüttelfrost erinnert. Auch wenn unser „Saturday Night Fever“ musikalisch mit John Travoltas Tanzeinlagen nichts zu tun hatte. Am Morgen danach war dieser Virus meist einer umfassenden Mattigkeit gewichen, ähnlich der eines Bergsteigers nach dem Gipfelsturm, begleitet von hartnäckigem Ohrensausen, das den Kopf in Watte packte. Ein guter Teil der Tinnitus-Erkrankungen heute mittelalter Frauen und Männer lässt sich wahrscheinlich auf jugendliche Disco-Exzesse zurückführen. Schön war‘s trotzdem. Weil man mit der Disco eine Parallelwelt betrat, eine Sphäre, in der nur der Moment zählte, die Musik und das, was sie mit einem und man selbst mit ihr anstellte. Ein Besuch in der Disco war so etwas wie temporäre Gehirnwäsche, der Ausstieg aus dem Alltag und das Versprechen, dass absolut alles möglich war. Und nichts davon langweilig.

Bohrende Langeweile animierte Klaus Quirini auch dazu, heute vor 60 Jahren im Aachener „Scotch Club“ zum Mikrofon zu greifen, um sogenannter toter Musik, also Liedern aus der Konserve, Leben zu verleihen und das Publikum auf die Tanzfläche zu peitschen. „Meine Damen und Herren, wir krempeln die Hosenbeine hoch und lassen Wasser in den Saal, denn ,Ein Schiff wird kommen‘ mit Lale Andersen!“, krakelte Quirini und schlackerte dazu wild mit den Beinen. Der erste Discjockey hatte seinen Plattenspieler gesattelt und ein biederes Tanzlokal in die erste deutsche Diskothek verwandelt. Gleichwohl dauerte es ein paar Jahre, bis der Duden den Begriff „Discothek“ aufnahm. Bis dahin hatte Quirini als DJ Heinrich schon Hunderte Nächte im „Scotch Club“ den heißen Scheiß aufgelegt und dazu rhythmisch seine Gliedmaßen verrenkt. „Gummi-Mensch“ nannten sie ihn deshalb bald, und er nutzte seine Popularität, um Sänger wie Udo Jürgens und Christian Anders einzuladen. Udo Lindenberg musste allerdings draußen bleiben – die damals unverzichtbare Krawatte fehlte.

Von Aachen aus verbreitete sich das Konzept Discothek weiter um die Welt. Wobei der Begriff nicht neu war: In den 1940ern tanzten bereits junge Franzosen, Zazous genannt, in der Pariser Bar „La Discothèque“ zu Swing- und Jazz-Platten und schmiedeten Widerstandspläne. Auch in London schwoften Jugendliche in schummrigen Clubs. Generell bezeichnete der Ausdruck Discothek ursprünglich einfach eine Sammlung von Tonträgern, also Schallplatten oder Tonbändern, vergleichbar einer Bibliothek für Bücher. Erst später bürgerte sich die Bezeichnung für Barbetriebe ein, in denen ein DJ auflegte. Wobei Quirini, der auch die Deutsche Disc-Jockey-Organisation gründete und ein Buch über seinen Berufsstand schrieb, zwischen Discothek und Disco unterscheidet – in ersterer erweckt ein Moderator tote Musik zum Leben, in der zweiten sorgen dafür technische Gimmicks wie Nebel oder Glitzerkugeln. Disco schließlich bezeichnete zudem eine Spielart der Popmusik, die sich Ende der 60er in den USA entwickelte und den Rock für ein paar Jahre vom Charts-Thron verdrängte.

In der Disco kommt es auf das Gesamtkunstwerk an, vermischen sich Musik, Effekte und Atmosphäre im besten Fall so, dass sie eine ganz eigene Welt kreieren. Weil es ein guter DJ versteht, mit der Auswahl und Platzierung seiner Songs den musikalischen Horizont der Gäste zu erweitern und sie auf eine Reise zu schicken in ein imaginäres Land, in dem die beats per minute den Pulsschlag angeben. Alles fließt, geht ineinander über, Gegensätze werden aufgehoben, überblendet. Perfekte Nächte hatten und haben das Zeug, DJs in Stars zu verwandeln und diese wiederum das Publikum in Fans, süchtig danach, sich im Rausch des Rhythmus zu verlieren, für ein paar Momente im Gleichklang mit dem Glück zu schweben. Vinyl verdankt seine Renaissance auch den DJs, speziell die Maxisingle, die sie bevorzugten wegen des besseren Sounds, und weil sich die Songs auf zwei Plattenspielern besser mixen lassen. Das Ziel: die Erregungskurve maximal hochhalten.

Im idealen Fall bietet die Disco die elementare Erfahrung von Gemeinsamkeit, in der alle sozialen Schranken aufgehoben sind, weil es nur die Leidenschaft für die Musik ist, die zählt. Clubs wie das legendäre New Yorker „Studio 54“ galten nicht nur als Sündenpfuhl, sondern auch als Keimzelle einer toleranten Gesellschaft, in der die Grenzen zwischen schwarz und weiß, homo und hetero, reich und arm verwischten. Zumindest für ein paar Stunden. Die privaten Loft-Partys des legendären DJs David Mancuso im New York der 70er etwa waren explizit geboren aus der Idee, eine bessere, friedlichere Welt zu schaffen nur durch die Musik. Disco hätte mehr für den Weltfrieden geleistet als jede andere Musikrichtung, sagte Produzent Nile Rodgers einmal.

Natürlich funktionierte das alles nur bedingt. Aus Wut, weil sie am Türsteher des „Studio 54“ scheiterten, schrieben Rodgers und Bernard Edwards von der Band „Chic“ den wohl größten Disco-Hit aller Zeiten: „Le Freak“, der ursprünglich „Fuck Off“ heißen sollte. So offen war die alternative Disco-Gesellschaft dann doch nicht. Und der Institution Türsteher haftet bis heute das Image eines Scharfrichters an. Zudem bereitete die Szene den Boden für sogenannte Partydrogen wie zunächst Kokain und später Ecstasy. Auswertungen der britischen Kriminalstatistik zeigten, dass regelmäßige Discogänger mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit Drogen konsumierten wie Stubenhocker. Alkohol plus Drogen führte zu Konflikten, oft mit Fäusten ausgetragen, aber auch zu Disco-Unfällen, die tatsächlich als eigene Gattung geführt werden – weil sie sich nur am Wochenende zwischen 23 und 4 Uhr morgens ereignen. Zu Grabe getragen wurde 1979 auch der Musikstil Disco, in der Disco Demolition Night im Comiskey Park, einem Baseballstadion in Chicago. Ein Sprengmeister jagte publikumswirksam 10.000 Discoplatten in die Luft. Diese plakative Aktion markierte das Ende einer Ära. Aber nicht das Ende der Disko.

Heute bedienen die Tanztempel die unterschiedlichsten musikalischen Bedürfnisse – von Schlager über Reggae bis zu Techno und House, dem eigentlichen Nachfolger von Disco. Rund 1600 Clubs und Discos zählt der Bundesverband deutscher Discotheken und Tanzbetriebe (BDT) noch in Deutschland, rund eine Million Besucher suchen an jedem Wochenende den ultimativen Club-Kick. Trotzdem sind die Goldgräberzeiten vorbei. Steve Rubell und Ian Schrager, die Chefs des „Studios 54“, versteckten noch Müllbeutel voller Bargeld hinter den Wänden, so phänomenal lief ihr Laden (allerdings an der Steuer vorbei). Heute kämpfen viele Discos ums Überleben, vor allem Großbetriebe müssen sich etwas einfallen lassen, um ihre Kosten reinzuholen. In einer alternden Gesellschaft schrumpft die jugendliche Zielgruppe, also sind neue Konzepte gefragt. Auch der Aachener Scotch Club überlebte nicht. Schon 1992 erlosch dort die Glitzerkugel. Heutige Discotheken setzen entweder auf intimen Club-Charakter oder bieten alles unter einem Dach, mit mehreren Tanzflächen, die verschiedene Musikstile bedienen. Das „Saturday Night Fever“, es brennt weiter.