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2raumwohnung über ihr 20-jähriges Bestehen, Corona und privates Glück

Elektropop-Band 2raumwohnung : „Pop-Musik ist eigentlich tot“

Das Best-Of-Album zum 20-jährigen Jubiläum von 2raumwohnung erschien noch, die Tour aber verhinderte Corona. Im Interview sprechen Inga Humpe und Tommi Eckart über ihr Leben als Paar – und Band in der Zwangspause.

Wie geht es Ihnen in dieser für Musiker so schwierigen Zeit?

Inga Humpe: Uns selbst geht es gut, wir sehen dieses Jahr wie ein Sabbatical, das wir uns schon lange gewünscht haben. Es hat uns zwar unser "20Jahre-Jubiläum" verhagelt, aber dann dehnen wir die Feier eben auf 2021/22 aus.

Was machen Sie gerade und wie sah Ihr Leben in den vergangenen Monaten aus?

Humpe: Wir haben viele Sachen gemacht, die ewig liegen geblieben waren, von so was simplem wie „Keller aufräumen“ bis „Verträge verändern". Außerdem können wir ganz neue Sachen kochen und üben alle Yoga-Asanas vorwärts und rückwärts.

Inwieweit gibt es jetzt aufgrund der Pandemie schnellere Pläne für ein neues Studioalbum?

Tommi Eckart: Eigentlich gar nicht. Wir überlegen eher, ob die Form des Albums nicht überholt werden muss. Wir sehen diese schwierige Zeit als eine Möglichkeit zum Umsturz von veralteten Formaten.

Das letzte 2raumwohnung-Konzert liegt über ein Jahr zurück. Was ist das für ein Gefühl?

Humpe: Da ist eine große Vorfreude auf die Tour. Sie wird stattfinden, egal wie oft verschoben werden muss.

Streaming-Konzerte oder Autokino-Konzerte waren nie Ihr Ding, oder?

Eckart: Nein, gar nicht, wir wollen aber, sobald wir proben dürfen mit Heinrich, unserem Gitarristen, mal ein paar Lieder live im Proberaum spielen und die Leute können sich dann dazuschalten.

Frau Humpe, Sie werden am Mittwoch 65. Wie blicken Sie zurück auf Ihr buntes Leben?

Humpe: Ich finde mein Leben so reichhaltig, so gut, so vielfältig und so erfüllend, dass ich eigentlich religiös werden müsste. Werde ich aber nicht. Aber ich bin sehr dankbar vielen Menschen gegenüber. Und ich schau auch in die Zukunft: Ich wünsche mir, mit 70 zusammen mit Iggy Pop ins Berghain zu gehen.

Groß feiern ist wegen Corona nicht. Wie begehen Sie am Mittwoch Ihren 65. Geburtstag?

Humpe: Ich bin froh, dass ich nicht ganz allein bin und feiere, man ahnt es: mit Tommi!

Für viele sind Sie eine Pop-Ikone. Gefällt Ihnen das?

Humpe: Ich sehe mich gar nicht so. Ich möchte gerne frei sein und laufe auch mal rum, als hätte ich sie nicht alle. Dann bin ich auch ganz froh, wenn ich nicht immer in dieser Pop-Norm bleiben muss. Aber ich freue mich natürlich, wenn Leute mich erkennen und mir sagen, dass sie unsere Musik gut finden. In Berlin ist man eher cool und denkt sich ‚Ist die das jetzt?‘, wenn man mich sieht, in München ist man offen und sehr Popstar-freundlich.

Sie sind in Hagen geboren, der Pop-Metropole aus den 80ern. Auch Nena und Extrabreit kommen von dort. Kai Havaii und seine Jungs haben zuletzt nach 13 Jahren wieder ein Album veröffentlicht. Wären Sie auch so mutig? Oder ist es waghalsig?

Humpe: Waghalsig zu sein, finde ich persönlich gut. Ich schätze es, wenn Leute etwas riskieren. Pop-Musik ist eigentlich tot, wir sind mit ihrer Wiedergeburt beschäftigt.

Sie sind ein Paar. Leben Sie in dieser Zeit dann noch lieber und enger zusammen oder gehen Sie sich auch mal auf die Nerven?

Humpe: Wir sind zusammen richtig niedlich geworden im letzten Jahr.

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Macht Ihnen der Impfstoff Hoffnung oder wie sieht es da in Ihnen aus?

Eckart und Humpe: Auf jeden Fall: Impfen statt schimpfen!

20 Jahre 2raumwohnung! Was war ein absolutes Highlight, außer, dass Sie Tommi getroffen haben, und was war ein ernüchternder Moment?

Humpe: Die Anfänge von 2raumwohnung waren ein wunderbarer Gleitflug, wir wurden getragen vom Interesse an unserer Musik und hatten kaum noch Bodenkontakt. Das Runterkommen ist natürlich ernüchternd.

Das Band-Jubiläum sollte im vergangenen Jahr groß gefeiert werden, dann kam Corona. Was bleibt hängen aus 20 Jahren?

Humpe: Das tolle Feedback der Fans. Wir rasten früher durch diese Zeit hindurch, in der wir viele Songs veröffentlichten. Dann spielten wir in so vielen Städten, das war wie in einem Sturm. Zwischendurch gab es Ruhephasen, in denen wir zurückblicken konnten. Es bleiben die tollen Konzerte in Erinnerung. Die Leute waren immer sehr emotional und offen. Das macht uns bis heute viel Freude.

An Ihrem Stil wurde nie wirklich viel verändert und doch klingt es neu und frisch.

Humpe: Es gibt keine richtige Strategie und kein Konzept, das wäre zu starr für uns. Wir haben immer versucht, die Musik so zu gestalten, dass wir uns nicht so wahnsinnig wiederholen. Unser neuer Song „Hier sind wir alle“ hat einen für uns ungewöhnlichen Beat, den wir so noch nie hatten. Man muss sich da selber auch füttern, um immer wieder etwas anders zu machen. Tommis Mutter hat einmal gesagt „Macht ein bisschen was gleich und macht ein bisschen was anders“. (beide lachen) Alles umzuschmeißen finden wir nicht gut, aber aufgrund eigener Ideen etwas Neues zu machen, ist wichtig.

Hätten Sie gedacht, dass Sie mit 2raumwohnung zu Popstars werden?

Eckart: Vielleicht unbewusst. Eigentlich hatten wir einen ganz anderen Plan. Wir hatten in den Jahren zuvor verschiedene Projekte und wollten eigentlich nur noch als Studioteam arbeiten. Wir machten Musik für Modenschauen und Werbung oder auch mal für den Tatort. Das war bequem und schön. Dann kam die Single „Wir trafen uns in einem Garten“ und es ging ab mit 2raumwohnung. 
Humpe: Das war das Schöne daran. Wir waren nie Teil einer Strategie, die aufgegangen ist. Es ist viel erfüllender, wenn es aufgrund der Musik passiert und aufgrund der Tatsache, dass Leute sich für die Musik interessieren.

Müssen sich die Fans Sorgen machen, dass das Best-Of-Album und die Tour nach Corona das Ende der Band bedeutet?

Humpe: Nein. Wir denken nicht ans Aufhören, aber wir machen schon weniger. Also nicht wie am Anfang vier Alben in fünf Jahren. Wir sind da etwas langsamer geworden. Den Stil von unserer Musik finden wir aber immer noch gut.

Eckart: Unsere Herangehensweise ist es bis heute immer unsere Skills, die wir aus den Club-Produktionen hatten, mit Popmusik zu verbinden. Dadurch, dass sich die Musik immer wieder erneuert, andere Stil-Richtungen kommen und Drum-Maschinen plötzlich inspirierend sind, war das für uns immer ein Input, der sich verändert hat. Wir hatten stets die Inspiration unsere Lieder auch in einem anderen Gewand zu machen. 

Sie beide sind seit den 90ern ein Paar. Wie sprang einst der Funke über?

Humpe: Darüber gibt es zwei Meinungen. (lacht) Wir sind uns nicht mal sicher, wo wir uns das erste Mal gesehen haben. Ich sage immer es war in einem Studio. Tommi sagt es war an einer Tankstelle. Ich weiß aber, dass ich seine Musik und seinen guten Groove von Anfang an geliebt habe. Er war für mich jemand, der für deutsche Verhältnisse ein tolles Gefühl für Beat und keine Angst vor Popmusik hatte. Die Musiker und DJs in meinem Umfeld waren etwas strenger. Tommi, der musikalisch sehr offen und frei war, kennenzulernen, war für mich beeindruckend. Ich habe mich gleich zu ihm hingezogen gefühlt. Ich dachte mir ‚Der versteht mich‘.

Warum groovt das immer noch zwischen Ihnen?

Eckart: Weil wir Spaß zusammen haben und weil ich Ingas Stimme gerne höre.
Humpe: Ich will das gar nicht idealisieren, das wäre peinlich. Es ist wie bei den Affen. Man braucht sich gegenseitig für die Musik und für alles andere. Wenn man das mal ganz unromantisch darstellt, dann ist das für uns beide zum Vorteil geworden.

Warum wollten Sie nie heiraten?

Humpe: Wir lassen das mal im Dunkeln...

Frau Humpe, zum Jubiläum veröffentlichen Sie ein Buch mit 80 preisgekrönten Songtexten. Was ist das Besondere daran?

Humpe: Mir ist aufgefallen, dass Leute die Texte anders wahrnehmen, also nicht so genau, so wichtig, wie sie für mich sind. Manch einer hört den Text nur bruchstückweise. Als ich so viel positives Feedback bekam, dachte ich, dass dies Popmusik vielleicht noch mal in ein anderes Licht rücken kann, wenn man diese Poptexte nur liest. Das ist eine völlig andere Wirkung. Ich kann die Texte zwar auswendig singen, aber nicht auswendig sprechen. Und dieses Erlebnis wollte ich den Leuten mal näher bringen. Ich bin ein Fan von Worten, sammel’ sie und lese viel. Lesen ist mein Verreisen, wenn ich zum Beispiel auf Tour nicht raus kann aus dem Hotelzimmer in dem Ort, wo wir gerade sind. Ich habe die Texte in völlig unterschiedlichen Situationen geschrieben und haue gerne übers Lesen ab.

Was erhoffen Sie sich von 2021?

Humpe: Wir warten sehnsüchtig auf unsere Tour und alle Arten von Live-Auftritten. Wir proben auch zu zweit im Moment, damit wir jederzeit spielbereit sind. Außerdem haben wir im alten Jahr kapiert, dass die Gesellschaft zu enormen Veränderungen fähig ist. Das ist eine gute Erfahrung und macht Mut.