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20. Todestag: Kurt Cobain prägte das Lebensgefühl einer Generation

Frontmann der Band Nirvana : Vor 20 Jahren starb Kurt Cobain

Am Samstag jährt sich der Todestag des Nirvana-Sängers. Am 5. April 1994 erschoss sich der 27-Jährige in seiner Villa in Seattle. 20 Jahre nach seinem Tod lebt seine Musik fort. Cobain prägte das Lebensgefühl einer ganzen Generation.

Kurt Cobain war 1,70 Meter groß und wog nur 56 Kilo. Um nicht zu dürr zu wirken, trug er unter seinen Strickjacken und karierten Hemden oft mehrere Lagen Kleidung. Als am 8. April 1994 um 8.40 Uhr der Elektriker Gary Smith im Hause Cobains in Seattle die Leiche eines jungen Mannes fand, war schnell klar, dass es sich dabei um den Nirvana-Frontmann handeln musste. Jeans, langärmeliges Hemd, schwarze Turnschuhe, neben ihm lag eine Schrotflinte. Der 27-Jährige hatte sich damit in den Kopf und aus einem Leben geschossen, das ihm mehr Leid als Vergnügen bereitet hatte.

Es dauerte keine 50 Minuten, bis der örtliche Radiosender KXRX die Meldung von Cobains Selbstmord verbreitete. Ein Mitarbeiter der Elektrikerfirma hatte dafür gesorgt, dass es publik wurde. Doch die Fanmassen vor dem Haus des Sängers blieben aus, stattdessen tummelten sich zahlreiche Pressevertreter vor der Villa. Michael Azerrad, Redakteur des Rolling Stone Magazins und Freund von Kurt Cobain, erkennt die Ironie dahinter: "Ein paar Journalisten philosophierten in wohlbesetzen Worten über die ethische Perspektive dessen, was sie gerade taten; beuteten wir eine traurige Geschichte gnadenlos aus und waren deshalb schuldig, oder dokumentierten wir ein wichtiges historisches Ereignis?"

Historisch war es, denn Kurt Cobain war nicht irgendein Rockstar, der versehentlich an einer Überdosis gestorben war wie andere vor ihm. Ihn in eine Schublade zu stecken, funktionierte nicht. Cobain kam aus ärmlichen Verhältnissen, seine Eltern ließen sich scheiden, als er neun Jahre alt war. Als er es bei seiner Mutter nicht mehr aushielt, zog er zum Vater, doch auch da nahm er reißaus. Was ihm stets half, war die Musik. 1991 gelang seiner Band Nirvana mit dem Album "Nevermind" der Durchbruch. "Sie spielten nicht nach den Regeln, und sie machten Musik zu einer Zeit, in der die Regeln sehr streng waren", sagte damals Musikjournalist David Fricke. "Sie pusteten den 80er-Jahre-Nonsense weg und kickten Michael Jackson aus den Charts — was für eine Metapher für das, was er erreicht hat." Sie standen damit für das Lebensgefühl einer ganzen Generation — der Generation X: ohne Perspektive, aber voller Träume. Ihr Idol: Der Rebell, als der Cobain immer hingestellt wurde. "Dabei war er nur ein guter Mensch, charismatisch, manchmal launisch, schüchtern, intelligent, sensibel, unberechenbar", sagt Azerrad.

Für Nirvana schienen zunächst alle Träume in Erfüllung zu gehen. Von den kleinen Clubs ging es auf die großen Bühnen — doch genau das wurde dem sensiblen Musiker zum Verhängnis. "Seit zwei Jahren fehlt mir die Begeisterung sowohl beim Hören als auch beim Spielen und Schreiben von Musik", schreibt er in seinem Abschiedsbrief. "Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich dafür schuldig fühle. Manchmal habe ich das Gefühl, ich sollte meine Karte in eine Stechuhr stecken, bevor ich auf die Bühne gehe."

Die Frage nach der Schuld stand nach Kurt Cobains Selbstmord wie ein dickes Fragezeichen im Raum. Verzweifelte Fans stellten wilde Theorien auf, wonach seine Ehefrau und Hole-Frontsängerin Courtney Love ihn hat umbringen lassen. Dabei stand lange außer Frage, dass es mit dem Musiker ein schlimmes Ende nehmen würde — nur war nicht klar, wann. Selbstmord war für ihn ein immer präsentes Thema: Drei Familienmitglieder hatten bereits freiwillig ihr Leben beendet. Im März 1994 — wenige Wochen vor seinem Tod — hatte er in einem Hotelzimmer in Rom versucht, seinem Leben ein Ende zu setzen. Mit einer Überdosis Alkohol und Medikamenten kam er gerade noch rechtzeitig ins Krankenhaus. Es folgte eine Entziehungskur in Los Angeles. Cobain litt Zeit seines Lebens unter einer schmerzhaften Versteifung der Wirbelsäule und unter schier unerträglichen Magenschmerzen. Beides betäubte er mit Heroin.

Aus der Entzugsklinik floh der 27-Jährige nach nur einem Tag, tauchte unter. Ab und an sah man ihn, heißt es. Wer ihn auf jeden Fall sah, war sein Freund Dylan Carlson, Gitarrist der Band Earth. Cobain bat ihn eine Schrotflinte zu kaufen — für die Jagd. Der Sänger selbst hatte keine Waffen mehr. Wochen zuvor hatte die Polizei sein Arsenal — einen 38-er-Taurus-Revolver, eine 380er-Taurus-Handfeuerwaffe, eine halbautomatische Beretta 380 und ein halbautomatisches Colt-AR-15-Gewehr — beschlagnahmt, nachdem er sich im Badezimmer seines Hauses eingeschlossen und damit gedroht hatte, sich zu erschießen. Am 5. April machte er Ernst. Er starb alleine, seine Leiche wurde erst drei Tage später gefunden.

Mit der Schuldfrage mussten sich aber nicht nur Angehörige und Freunde Cobains auseinandersetzen, die sich fragten, ob sie ihm hätten helfen können. Auch die Presse stand plötzlich schlecht da. Die Medien hatten zwei Jahre lang eine Hexenjagd auf Kurt und Courtney veranstaltet: Die gemeinsame Tochter Frances Bean sei ein Drogenbaby, die Musiker Rabeneltern. Bis zuletzt kämpfte Kurt Cobain um das Sorgerecht für seine Tochter, die zum Zeitpunkt seines Todes 18 Monate alt war.

Doch was bleibt 20 Jahre nach dem Tod Kurt Cobains? Noch immer läuft seine Musik im Radio. Noch immer tragen Teenager Nirvana-T-Shirts — auch wenn ihr Idol lange vor ihrer Geburt starb. Was nicht gestorben ist, ist das Lebensgefühl, das er mit seinen Songs verkörperte. Mal leise, mal laut. Mal nachdenklich, mal schreiend vor Schmerz. Kurt Cobains Leben endete wie die meisten seiner Lieder — abrupt.

(spol)