Sechs CD-Tipps Musik für festliche Wintertage

Auf neuen CDs naht die Weihnachtszeit: Musik aus Barock und Renaissance steht bei vielen Ensembles hoch im Kurs. Eine Bläser-Überraschung aus Dresden ist grandios.

Das Alte-Musik-Ensemble Capella de la Torre.

Das Alte-Musik-Ensemble Capella de la Torre.

Foto: Anna Kristina Bauer/Sony

Unser inneres Ohr hat sehr gezielte Erwartungen an Musik zu Winter und Weihnachten. Es erwartet, von Georg Friedrich Händel, Johann Sebastian Bach und anderen Meistern auf die Spur gebracht, pausbäckige Blechbläser, lauschig näselnde Schalmeien – und natürlich opulenten Chorklang. Für solche Erwartungen gibt es ein paar großartige CD-Neuerscheinungen.

„Kommet, ihr Hirten“ mit Kultblechdresden Das Blechbläserensemble der Dresdner Philharmonie hat beim Label Berlin Classics eine CD vorgelegt, die einen aus den Holzpantinen hebt: Sie ist einfach umwerfend. Jenseits jeglichen Kitsches zwirbeln die 14 Herren des Orchesters einen geradezu imperialen, aber auch immer wieder kammermusikalisch erlauchten Blechbläsersound zurecht. Vor allem ist die CD unter dem unziemlich auffälligen Titel „Kommet, ihr Hirten“ alles andere als andächtig. Man bekommt ordentlich etwas zu lachen, einmal beschwingt uns ein Can-Can, und der „Little Drummer Boy“ lugt durch den unerwarteten Bolero-Rhythmus direkt zu Maurice Ravel hinüber. Zwischendurch erfreuen uns stilvoll geblasene Arrangements internationaler Weihnachtslieder, und das Ende mit „You Raise Me Up“ ist so erhebend und animierend, dass man die Platte direkt wieder von vorn hört.

„Capriccio pastorale“ mit Capella de la Torre Musik aus der italienischen Renaissance stellt sich mancher vielleicht als steife Angelegenheit, doch wie immer, wenn das Ensemble Capella de la Torre spielt, ist alles Staatstragende wie weggeblasen. Das liegt nicht nur daran, dass die Leiterin Katharina Bäuml, die einer Meisterin der Schalmei ist, sondern am musikantischen, entdeckungsfreudigen Geist der Musiker, die nie mit flächigem Glanz zufrieden sind, sondern Kunst von innen beseelen wollen. Auf ihrem neuen Album bieten die Musiker – in vielen Weltersteinspielungen – volkstümliche Lobgesänge, Messkompositionen von Heinrich Isaac und traditionelle italienische Weihnachtslieder. Gemeinsam mit den Vokalisten Margaret Hunter (Sopran), Erika Tandiono (Sopran) und Florian Cramer (Tenor) präsentiert die Capella de la Torre auf Renaissance-Instrumenten Musik des 14. bis 16. Jahrhundert. Eine schöne Überraschung: die Ausschnitte aus der Weihnachtsmesse „Missa de Sancta Maria a nativitate usque ad purificationem“ von Isaac, der lange in Italien lebte und wirkte. Erschienen ist die CD bei der Deutschen Harmonia Mundi.

Schuberts „Winterreise“ mit Bariton, Akkordeon und Chor Gregor Meyer leitet seit 2007 den Chor des Leipziger Gewandhauses, das macht er großartig. Nebenbei ist er aber ein glänzender Arrangeur, wie er in seiner Version von Franz Schuberts „Winterreise“ zeigt. Dieser weltberühmte Liedzyklus ertönt unter seiner Leitung in der Besetzung Bariton, zwei Akkordeons und gemischter Chor. Mit dem Sänger Tobias Berndt, den Akkordeonisten Heidi und Uwe Steger sowie seinem Gewandhauschor zaubert Meyer eine faszinierende Version (erschienen beim Label Genuin). Die zart fauchenden Akkordeons schaffen eine eigenartige Klangwelt, und wenn dann der Chor aus dem Hintergrund kommentiert oder Klänge verdichtet, dann sind wir weit von Schuberts Original entfernt, aber doch sehr nah an seinem Sinn.

Claudio Monteverdi, „Marienvesper“ Die Freunde des großen räumlichen Oratoriums setzen naturgemäß auf Bach und Händel. Das hat aber auch mit Angst und Informationsdefiziten zu tun: Natürlich haben die allermeisten Chorleiter schon mal von der „Vespro della Beata Vergine“, der „Marienvesper“, gehört. Aber sie lassen die Finger davon, weil das Werk so quer in der Welt steht. Wie soll man es aufführungspraktisch lösen? Benötigt man nicht eigentlich lauter Spezialisten? Und vor allem ist die 1610 in Mantua komponierte und veröffentlichte Vesper ein verwirrendes Meisterwerk: Es ist stilistisch so schwer zu fassen, es gibt Concerti, es gibt Opernarien, Psalmen und Antiphonen. Ein Chor muss extrem flexibel und wandlungsfähig sein. Die Neuaufnahme des Ensemble Pgymalion unter seinem Leiter Raphaël Pichon hat dann ihrerseits etwas Abschreckendes, weil: So dramatisch, so farbenreich, so schwingend und modulierend hat man die Vesper wohl noch nie gehört. Man begreift, dass Monteverdi dieses Werk als klingendes Bewerbungsschreiben für Rom empfand, das den Reichtum seines Könnens dokumentierte. Pichon holt alles heraus. Fabelhafte Aufnahme (erschienen bei Harmonia Mundi France).

The Marian Consort: „A Winged Woman“ Ohne die Muttergottes würde Weihnachten bekanntlich seit mehr als 2000 Jahren ausfallen. Eine hinreißende Liebeserklärung an Maria bietet The Marian Consort auf seiner neuen CD (bei Linn Records). Es handelt sich um Musik der vergangenen 50 Jahre, die aber nicht in den Ohren kratzt, sondern den Sinnen schmeichelt. Das titelgebende Werk der Schottin Electra Perivolaris ist bereits eine Offenbarung; auch die Kompositionen von Rebecca Clarke, James MacMillan und anderen haben es herrlich in sich. Das achtköpfige Ensemble singt mit einer Innigkeit und lupenreinen Klanglichkeit, dass man den Atem anhält.

Klarinettenkonzerte von Max Reger und Johanna Senfter Wer noch ein bisschen im Herbst verweilen möchte, kann das bei einer exquisiten Neuaufnahme des Klarinettenquintetts A-Dur von Max Reger tun. Hier blitzen keine Trompeten, flattert kein Lametta, der Ton ist erdig, cremig, versonnen. Von Reger sagt man ja, er wühle in der Chromatik und sei ein Freund der gedeckten, gleichsam herbstlichen Farben. Der Klarinettist Kilian Herold und das Armida-Quartett bekommen das Kunststück hin, diese Musik auf ganz leisem, flüssigem Atem zu musizieren, die Töne entstehen zuweilen aus dem Nichts und so besitzt diese Musik plötzlich etwas Schwärmerisches, Zauberndes. Komplettiert wird die CD (beim Label Cavi/Universal) durch eine wundervolle Neuentdeckung: das erstaunliche Klarinettenquintett B-Dur der Reger-Schülerin Johanna Senfter. Das Opus klingt keine Sekunde gelehrig, sondern selbstbewusst.

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