Mit Bartóks „König Blaubarts Burg“ und Monteverdis „Tancredi“ begeistern Adam Fischer und seine Symphoniker.

Symphoniekonzert : Bluttriefende Beziehungskisten

Mit Bartóks „König Blaubarts Burg“ und Monteverdis „Tancredi“ begeistern Adam Fischer und seine Symphoniker.

Nicht alle Beziehungen sind so nachhaltig, treu und vermutlich auch glücklich wie die zwischen den Abonnenten der Tonhallen-Symphoniekonzerte und den Düsseldorfer Symphonikern nebst ihren Chefdirigenten: 180 Bindungsfreudige der ersten Stunde – und damit meint Intendant Michael Becker die Eröffnung des Konzerthauses im April 1978 – sind auch beim 500. Konzertprogramm dabei, das an diesem Wochenende über die Bühne geht.

Das Programm, das Adam Fischer seinem Orchester und seinem ihn nicht weniger liebenden Publikum zum Jubiläum kredenzt, behandelt sehr tragische, ja von Blut triefende Beziehungskisten. Und die geben, zumindest – was Béla Bartóks Opern-Einakter „Herzog Blaubarts Burg“ anbetrifft – reichlich Stoff ab, sich mit dem eigenen Zwischenmenschlichen abzugeben, zumal, wenn man mit dem Partner im Konzert sitzt. So wünscht sich das der stabführende Ungar als Ergebnis seiner neuen Lieblingsstücke-Reihe, die er nach dem beziehungsreichen Haydn-Mahler-Zyklus nun mit selten aufgeführten Opern fortsetzen will.

Zum von Bartók mitreißend in Musik gegossenen Symbol-Märchen gesellt er eins der ersten Musiktheater der Musikgeschichte, Claudio Monteverdis Madrigal „Il Combattimento di Tancredi e Clorinda“. 300 Jahre liegen zwischen den Werken, eine Ewigkeit. Und doch sprühen die Funken dieser harschen Gegenüberstellung erhellend ins Heute. An den beiden Polen des Podiums stehen die Sänger der Protagonisten, Andrés Sulbarán als Tancredi und Alicia Amo als Clorinda, auf Podesten. Sie rahmen wenige Pulte der Streicher ein, in deren Mitte zwei Cembali und der Spieler mit der Langhalslaute auf Musik jenseits von Bach hindeuten.

Neben Fischer am Cembalo erzählt der famose Tenor Zoltán Megyesi die Geschichte vom tragischen Schwertkampf zweier Liebender. Die Kämpfenden säbeln bis aufs Blut aufeinander ein, da tremolieren und zupfen die Streicher wie mit Peitschen. Wenn die beiden taumeln, taumeln die Harmonien. Die Sehnsucht nach Ruhe klingt himmlisch zart, die nach Friede und Verschmelzung verklärt sich in der finalen Dur-Terz: Clorinda, die Muslimin, hat ihren geliebten Mörder ums Sakrament der Taufe gebeten. Sie ist tot, aber vielleicht im Himmel.

So toll, verstörend fremd, dabei ungemein lebendig, geradezu rasant musiziert dieser antike, heutzutage politisch unkorrekte Mythos in der Tonhalle klingt, so fulminant und furios bricht Bartóks „Blaubart“ in den Kuppelbau ein. Das Märchen von den sieben verschlossenen Türen, die Judith, die Braut des Herzogs öffnen will, um Sonne in die düstere Burg des Herzogs zu tragen, steckt voller geheimnisvoller Symbole, psychologischer Abgründe – und wird angefeuert von Lust und Verzweiflung, Liebe und Tod.

In seinem frühen Werk lässt Bartók nichts aus, greift in die Vollen des Orchesters, lautmalert, was das Zeug hält – und erreicht doch eine ungeheuer packende Wirkung. Wie schon der gesprochene Prolog sagt: Ob dabei die Bühne wirklich oder in unserem Herzen sei, ist einerlei. So klappern im Folterkeller die Xylophone, im Garten tirilieren Flöten, in prächtiger Landschaft geht mit Horn, Harfen und Orgel die Sonne auf.

Wenn da nur nicht – in penetranten Sekundreibungen – blutige Wolken dräuten. Oder „Liebe“ mit einem fallenden Tritonus einherginge. Dorottya Láng glüht als Judith in allen Farben ihres Mezzos, ihr von Weh wundes Gurgeln ist Gänsehaut pur, das Feuer der Verzweiflung mitreißend.  Miklos Sebestyén als Blaubart stehen die brodelnden Facetten des Bassbarotons nach Belieben zu Gebote. Auch er ein Ereignis.

Dazwischen Fischer und sein Orchester, die als ideales Paar die Partitur zur Sensation treiben. Ein bisschen Theater für zu Genüge theatrale Musik haben sich die Konzertmacher dann aber doch nicht verkneifen können: Rot und golden und wieder dunkel wird es auf der Bühne bis zum Ende, das „ewige Nacht“ umflort. Dazu jede Menge ungelöste Beziehungsfragen. Ein Muss nicht nur für Paare – und nur noch heute zu hören und zu erleben.

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