1. Kultur

Mischa Kuball: Retrospektive im Museum Morsbroich.

Mischa Kuballs neue Schau : Das Licht als Spielball des Lebens

Netzwerker im öffentlichen Raum: Der Düsseldorfer Künstler Mischa Kuball präsentiert jetzt seine Retrospektive im Museum Morsbroich.

Mischa Kuball (62) ist ein waschechter Düsseldorfer, der außer seiner Heimatstadt nur noch die Kölner Kunsthochschule für Medien liebt, an der er seit 2007 die einzige Professur in Deutschland für Public Art/Kunst im öffentlichen Raum innehat. Er ist mächtig stolz auf diese Hochschule, die wie das ZKM in Karlsruhe als Reformhochschule gilt. Die Professoren sind für die Studierenden da, im permanenten Austausch zwischen Jung und Alt. Unwillkürlich dient der Künstler dabei zugleich als Brückenbauer zwischen Düsseldorf und Köln, permanent damit beschäftigt, neue Fragen zu stellen und neue Orte ausfindig zu machen.

Für einen Konzeptkünstler redet er erstaunlich viel, darin liegt seine größte Gabe. Ihm liegen viel zu viele Dinge am Herzen, das Licht als Spielball des Lebens, die Gesellschaft und die Politik. Vor allem natürlich ist es die Kunstgeschichte, aus der er seine Erfindungen schöpft. Er ist ein Sportstyp im Denken und Handeln, der mehrmals in der Woche seine Runden dreht und auch als Marathonläufer seinen Körper fit hält. Zugleich ist er ein Netzwerker. Als die Biennale von Venedig noch für Gäste unter den Künstlern tabu war, machte er dort die ersten Projektionen auf drei Spiegelbällen. Im Corona-Jahr ließ er sich von der Kunststiftung NRW, dem Land NRW und der Stiftung Kunstfonds mit 384 Seiten den dicksten Katalog des Jahres finanzieren.

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Nun hält er auf drei Etagen im Museum Morsbroich Rückblick auf seine Aktionen. Sie zeigen, wie er sich einmischt und beispielsweise den Leverkusenern hilft, ihr Museum vor der Politik zu bewahren. Auf einen Plastikhocker könnten sich die Besucher stellen, das Schallrohr der Protestler in die Hand nehmen und der Mitwelt erklären, was sie besser machen könnten. „Partizipation“ ist eines seiner Lieblingsworte. Im Park vor dem Schloss hat er vier runde Scheiben in den Boden eingelassen. Beim Betreten der Platten aktivieren die Kunstgänger die Leuchten in den Bäumen, die nun als grelle Strahler den Raum definieren, in dem die Gäste diverse Sounds vernehmen.

Als die Stadt Düsseldorf 1977 eines ihrer beliebten Feste feierte, steckte er sich in einen großen Müllsack und blieb zwei Stunden lang auf dem Boden liegen, sodass Passanten gegen den regungslosen Körper im Sack traten. Als er im Jahr 2009 die Donald Judd Foundation in Marfa besuchte, den Pilgerort für amerikanische Minimal Art in Texas, nahm er goldsilbern glänzende Rettungsdecken aus Polyester und Aluminium mit, die der Wüstenwind aktivierte. Im Museum bewegt ein Gebläse die Folie, und der Betrachter fühlt sich an das Sahara-Projekt von Heinz Mack aus den 1960er-Jahren erinnert.

Platons Denkbild von der Höhle als Bezirk einer unbemerkten Gefangenschaft der Verblendeten hat unzählige Künstler inspiriert. Mit bloßen Folien und viel Licht nähert sich Mischa Kuball dem großen Philosophen. 2007 hatte sein Düsseldorfer Kollege Harald Fuchs mit raffinierten Spiegeln den Betrachter in die Irre geführt, indem sich neue Räume zu öffnen schienen, die gar nicht vorhanden waren. Für Mischa Kuball geht es nicht um Pionierleistungen, sondern ums Fragen als Prinzip. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit von Emil Nolde, die über kunsthistorische Analysen nicht hinauskommt.

Doch es gibt auch optisch brillante Arbeiten in Morsbroich. Dazu gehören die fünf farbigen Plexiglasscheiben mit Mondgesichtern und durchbohrten Löchern aus der Sammlung Schnetkamp. Da sich diese farbigen „Sonnen“ in Abständen drehen und verschieben, entsteht ein feines optisches Spiel in Erinnerung an Galileo wie an Fontana. Noch faszinierender sind fünf Diskokugeln, die „Five Planets“, die den Raum in ein flirrendes Netz von Lichtpunkten verwandeln, sodass der Besucher meint, er werde gleich vom Boden abheben.

Das tiefsinnigste Werk allerdings ist das Projekt „New Pott“. 2010 besuchte er 100 Familien im Ruhrpott, brachte ihnen als Gastgeschenk eine Stehlampe mit weiß leuchtender Glaskugel mit und ließ sich die Lebensgeschichten der Leute erzählen.