1. Kultur

Minna von Barnhelm hatte an dem Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere

„Minna von Barnhelm“ : Im Dschungel der Gefühle

Andreas Kriegenburg inszenierte Lessings Lustspiel „Minna von Barnhelm“ am Düsseldorfer Schauspielhaus. Die dynamische Uraufführung bot zeitlose Theaterkunst.

Die Bühne dreht sich. Fast unaufhörlich ist sie in Bewegung und die Figuren mit ihr. Denn erst zum Schluss kommen sie an: bei sich, bei einem anderen, den sie lieben. Um einen großen, mit alten Koffern gespickten Stuhlhaufen lässt Regisseur Andreas Kriegenburg sein Ensemble agieren und schafft dadurch ein treffliches Sinnbild für die Unordnung, die auch in den Figuren herrscht. Sie sind noch nirgendwo angekommen. Zwischen all den Stühlen, die durch die Gegend purzeln, fühlt man sich fast wie in Pina Bauschs „Café Müller“, hier wie dort entwurzelte Menschen auf der Suche nach Liebe und Glück.

Denn bis vor kurzem war Krieg, die Menschen müssen sich erst wieder sortieren, auch ihr Wertesystem: Was zählt noch in dieser Welt? Ehre? Mitgefühl? Menschlichkeit? Das alles verhandelt Lessings Lustspiel „Minna von Barnhelm“ von 1767, das eher tragikomisch daherkommt. Kriegenburg stellt in seiner zeitlosen Inszenierung allgemeingültige Fragen. Und die Drehbühne schafft es, dass alles im Fluss bleibt und dass das Spiel trotz der großen Textmenge seine Dynamik – bis auf einige wenige Längen – behält.

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Denn der Regisseur verzichtet auf weitreichende Striche, kürzt das Stück nicht coronakonform und und gemäß heutigen Sehgewohnheiten auf zwei Stunden. Mit Pause läuft es mehr als drei Stunden. Dank der vorzüglichen Schauspieler und der psychologisierenden Text-Arbeit kann man stets gut folgen durch den Dschungel der Gefühlswallungen und Intrigen, die hier gesponnen werden auf dem Weg zum Liebesglück.

Der Krieg hat Minna und ihren Verlobten Tellheim entzweit. Unehrenhaft entlassen und verarmt fühlt er sich der Adeligen nicht mehr würdig. Minna Wündrich passt nicht nur wegen des Vornamens hervorragend in die Titelrolle. Sie ist Grande Dame und gleichzeitig verliebter Backfisch, in ihrer Liebe ganz bei sich und völlig pragmatisch: „Eines Fehlers wegen entsagt man keinem Mann.“ Sie täschelt Tellheim liebevoll die Glatze und beäugt entsetzt seinen steifen Arm. Mit ihrer Kammerfrau Franciska setzt sie alles daran, den Geliebten zurückzugewinnen, auch mit unkonventionellen Mitteln. Die großen Gefühle für Tellheim nimmt man Wündrich immer ab, auch ihre Verzweiflung über seinen Rückzug. Selbstbewusst, emotional und einfühlsam kann sie den körperlich und seelisch verwundeten Geliebten mit cleveren Schachzügen umstimmen.

Wolfgang Michalek als Tellheim scheint da die ungewöhnlichere Besetzung. Sperrig, widerborstig, verbittert verharrt er auf seinen Überzeugungen. Ihm scheint jede Leichtigkeit, von der Minna so viel besitzt, abhanden gekommen zu sein. Er ist tief gekränkt, wütet und schreit, auch wenn es aus edlen Überzeugungen geschieht: „Ich will Gerechtigkeit, Ehre!“ Minnas Katz- und Mausspiel, mit dem sie ihn umstimmen will, ist dabei eine Achterbahn der Emotionen und mündet in einem geschliffenen Schlagabtausch, den das ungleiche Paar zum Schluss des Abends bravourös meistert.

Um die beiden gruppiert sich eine Menge von Lessing fein ausgestalteter Figuren, nach denen sich die meisten Schauspieler die Finger lecken. Allen voran die kecke Dienerin Franciska, die Lea Ruckpaul burschikos, äußerst agil, fantasievoll, frech und Grimassen schneidend zum heimlichen Star des Abends macht. Mit Minna ist sie vertraut wie mit einer Freundin, die Männer wickelt sie mit ihrer Schlagfertigkeit um den Finger.

Etwa den Wachtmeister (Florian Lange), der sie immer „Frauenzimmerchen“ nennt und mit ihr von einer gemeinsamen Zukunft in fernen Landen träumt. Wie sie dieser „Camouflage-Typ“ mit seinem gerollten R genüsslich umgarnt, ist herrlich. Mit dem trinkfesten Wirt (Thomas Wittmann) hebt Franciska gerne einmal ein Gläschen und spannt auch ihn zu ihren Zwecken ein. Dabei gelingt es Wittman wie so oft, mit wenigen Mitteln einen Miniatur-Charakter zu formen, hier Spießer und Schlitzohr, der versucht, die Geschicke zu lenken.

Jonas Friedrich Leonhardi als Tellheims Diener Just kommt leider im zweiten Teil des Abends etwas kurz. Am Anfang jedoch brilliert er als manchmal sächselnder, tollpatschiger Wuschelkopf. Mit schrägem Humor und Slapstick-Einlagen, etwa als er wiederholt vom Stuhl rutscht, sorgt er gekonnt für so manchen Lacher des Abends.

Ein Wiedersehen gibt es auch mit Schauspiel-Urgestein Wolfgang Reinbacher als herrlich schranziger Riccaut de la Marliniere, der zu recht mit Szenenapplaus belohnt wird. Begeisterten Applaus gab es am Ende für alle, Regie und Darsteller.