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Michelangelo: David beflügelt die Gegenwart

Bonn : Michelangelos David beflügelt die Gegenwart

Die Bonner Bundeskunsthalle feiert das Genie als Impulsgeber für europäische Künstler von der Renaissance bis heute.

Er ist der Meister der Meister: "Kein anderer als Michelangelo hatte eine ähnlich umfassende, die künstlerischen Gattungen übergreifende, lange und kontinuierliche Ausstrahlung." So urteilen Georg Satzinger und Sebastian Schütze, Kuratoren einer großartigen Schau in der Bonner Bundeskunsthalle. Sie belegen ihre Lobeshymne mit rund 200 Werken des Malers Peter Paul Rubens, des Bildhauers Auguste Rodin und vieler weiterer Künstler, die in den vergangenen 450 Jahren tätig waren.

Der als Bildhauer, Maler und Architekt erfolgreiche Michelangelo Buonarotti wurde 1475 geboren. Zu seinen bedeutendsten Auftraggebern gehörten die Florentiner Dynastie der Medici sowie die Päpste in Rom. Seine Werke neigen zur Gigantomanie. Sein 1504 vollendeter "David" ist die erste Aktstatue kolossalen Formats seit der Antike. Sein 1508 bis 1512 geschaffenes Deckenfresko in der Sixtinischen Kapelle, dessen Erweckung Adams unzählige Male reproduziert worden ist, wartet mit 350 Figuren auf 500 Quadratmetern auf.

Viele Projekte blieben unvollendet oder wurden wie das Grabmal für Papst Julius II., das Michelangelo erst nach 40 Jahren fertigstellen konnte, mit deutlich verringertem Figurenpersonal verwirklicht. Der Kult um den "göttlichen" Künstler setzte bereits zu seinen Lebzeiten ein. Sein Biograf Giorgio Vasari schrieb ihm künstlerische Meisterschaft zu, wie sie "in den unendlich vielen Jahren, seit die Sonne kreist, keinem außer ihm von Gott verliehen war". Michelangelo starb 1564 in Rom. Vasari sorgte für seine Überführung nach Florenz und Beisetzung in der Kirche Santa Croce.

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Nachhaltige Wirkung auf zeitgenössische und nachfolgende Künstler übte insbesondere die muskulöse Körpersprache der vom "Göttlichen" gemalten und gemeißelten Figuren aus. Seine zumeist ortsgebundenen Meisterwerke sind in Bonn durch Reproduktionsgrafiken, Gemäldekopien, Gipsabgüsse, verkleinerte Nachbildungen der Skulpturen und Fotografien vertreten.

Welche Wirkung die Originale und Reproduktionen auf andere Künstler hatten, zeigen die ihnen gegenübergestellten Werke. So antwortet Georg Kolbe mit seiner Bronzeskulptur der von inneren Regungen überwältigten "Sklavin" (1916) auf den sich geradezu wollüstig seinem tragischen Schicksal ergebenden "Sterbenden Sklaven", den Michelangelo für das Grabmal von Papst Julius II. vorgesehen hatte. Yves Klein dagegen verklärt den "Sklaven Michelangelos" (1962) zur unverwundbaren Erscheinung, indem er eine stark verkleinerte Nachbildung mit blauem Farbpigment bestäubt und damit von aller Erdenschwere erlöst hat.

Aus vielköpfigen Versammlungen, wie sie das der Schöpfungsgeschichte gewidmete Deckenfresko und das Wandgemälde des Weltgerichts in der Sixtinischen Kapelle zeigen, haben Generationen von Künstlern als beispielhaft erachtete Einzelfiguren übernommen und neu interpretiert. Erstaunlich, aber wahr: Die zur Rechten des Weltenrichters stehende Aktfigur von Johannes dem Täufer wird auf einer Ölskizze (1615-1620) von Rubens zu Herkules verwandelt, der über die bezwungene Zwietracht hinwegschreitet.

Zahlreiche Interpreten haben sich der "Tag" und "Nacht", "Morgen" und "Abend" verkörpernden Liegefiguren von den Florentiner Medici-Grabmälern angenommen. Eine kuriose Umdeutung ist Caius Gabriel Cibbers mit Handschellen gefesselte, von einem Wutanfall geschüttelte Tonfigur der "Allegorie von Wahnsinn und Raserei" (1676), Modell für eine der Giebelfiguren am Hauptportal eines Heims für Geisteskranke.

Den Bildhauer Auguste Rodin regten "Nacht" und "Tag" zu Studienzeichnungen (um 1877) an. Überdies inspirierte der unfertige, aber gerade dadurch ausdrucksvolle Zustand mehrerer der von Michelangelo hinterlassenen Skulpturen Rodin mit breiter Nachfolge dazu, das Unvollendete zum planvoll eingesetzten bildhauerischen Prinzip zu erheben.

Von Théodore Géricault ist die Zeichnung "Leda mit dem Schwan" (vor 1816) ausgestellt. Das hocherotische Urbild Michelangelos ist eine eigenwillige Umdeutung seiner trauernden "Nacht" aus der Medici-Kapelle in die Königstochter Leda, die sich von Zeus, der die Gestalt eines Schwans angenommen hat, beglücken lässt. Auch die kunstvolle Körperdrehung der von Amor zärtlich bestürmten Venus ist eine Weiterentwicklung der Liegemotive von den Medici-Grabmälern. Michelangelos Zeichnung war Vorlage für das in der Ausstellung präsentierte Gemälde (etwa 1550-1570), das Vasaris Mitarbeiter Hendrick van den Broeck zugeschrieben wird.

Wie seine Werke wurde Michelangelo selbst zum Thema von Bildhauern und Malern. Der 1546 von Giulio Bonasone angefertigte Kupferstich zeigt ungeschönt Michelangelos schiefnasiges Profil. Der Kupferstich diente Michael Triegel als Vorbild seiner Porträtminiatur (2009), die Michelangelo mit Ölfarben neues Leben eingehaucht hat. Imponierend wirkt eine Büste, die den "Göttlichen" mit tief zerfurchten Gesichtszügen und nachdenklich gesenktem Haupt wiedergibt.

Sie ist die Nachbildung eines Bronzeporträts, das Michelangelos Freund Daniele da Volterra nach dessen Tod anfertigte. Grundlage war vermutlich die Totenmaske, kombiniert mit den noch frischen Erinnerungen an den Lebenden. Ein Exemplar dieser Büste ist auf dem "Selbstbildnis" (um 1780) des Malers Joshua Reynolds zu sehen. Das Gemälde wirkt wie eine Majestätsbeleidigung. Denn im Vordergrund plustert sich Reynolds auf. Er stellt wortwörtlich den durch die Büste vertretenen Michelangelo in den Schatten, der sich vor ihm zu verneigen scheint. Schmunzeln lässt einen schließlich Federico Zuccaris Gemälde "Michelangelo als Moses" (1580er Jahre). Es setzt das Konterfei Michelangelos auf den Körper eines seiner Hauptwerke: der kolossalen, furchterregende und machtvolle Erhabenheit verkörpernden Sitzskulptur des "Moses". Doch auf Zuccaris Gemälde wirkt Michelangelo als Moses in seinen stellenweise bunten antiken Gewändern durchaus auch komisch. Die Inschrift auf dem Rahmen lautet: "Solange du malst, Zuccari, gibst du Michael das Leben wieder und machst zugleich dich ewig, so dass du nicht stirbst."

(RP)