Michael Wolffsohn: „Das Ziel von BDS ist Israels Ende“

Historiker über Israel-Boykott-Organisation BDS : „Die Kampagne ist nicht diffus, sondern strategisch“

Der 72-jährige Historiker und Publizist Michael Wolffsohn warnt im Interview vor einer Verharmlosung der Boykott-Organisation „Boycott, Divestment and Sanctions“, kurz BDS. Sie wolle nur eines: Israels Ende.

Längst ist es kein Einzefall mehr, dass Musiker zu Unterstützern von BDS („Boycott, Divestment and Sanctions“) gehören, einer Organisation, die zum Boykott Israels aufruft, das Land als Apartheidsstaat deklariert und das Existenzrecht Israels in Frage stellt. Inzwischen werden Künstler, die sich den BDS-Zielen anschließen, von Festivals ausgeladen; zuletzt der New Yorker Rapper Talib Kweli, der im Juli beim Düsseldorfer Open-Source-Festival auftreten sollte. Andere Unterstützer von BDS sind unter anderem Brian Eno und Roger Waters. Der Deutsche Bundestag hatte unlängst BDS als antisemitisch eingestuft.

Kritik an Israel muss nicht gleichbedeutend mit Antisemitismus sein. Ist das bei BDS anders?

Wolffsohn Dass Israel weltweit und auch in Deutschland nicht kritisiert würde, ist eine Legende. Israel darf und soll kritisiert werden wie jeder andere Staat auch. Das geschieht besonders heftig durch die Opposition im Land selbst, die fast 50 Prozent der Israelis ausmacht. Entscheidend ist: Wird mit zweierlei Maß gemessen und geht es um Details oder ums Existenzielle? BDS ist der Wolf im Schafspelz. Sagt „Kritik“ und meint, auch wenn es viele Mit- und Nachläufer nicht durchschauen: „Weg mit Israel“.

Ein konkretes Beispiel?

Wolffsohn BDS fordert die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge und Vertriebenen. Das waren 1947/48 rund 750.000. Inzwischen ist von mehr als sieben Millionen die Rede; Nachfahren inklusive. Die meisten echten Flüchtlinge von damals sind tot. Wie bei den deutschen Flüchtlingen und Vertriebenen nach 1945. Damals zwölf Millionen. Nehmen Sie den gleichen Faktor wie bei den Palästinensern. Was das etwa für das heutige Polen bedeuten würde, ist jedermann klar. Nur Erzreaktionäre fordern das Rückkehrrecht der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen. Hitler-Deutschland begann den Krieg, hat ihn verloren, viele unschuldige Deutsche mussten fliehen oder wurden vertrieben. Palästinenser und umliegende arabische Staaten haben 1947/48 den Krieg gegen Israel begonnen und verloren. Wer einen Krieg beginnt und verliert, muss mit den Konsequenzen leben, so wie wir in Deutschland auch.

Wie gefährlich ist Ihrer Meinung nach der BDS? Und wie soll man auf etwas reagieren, das sich Kampagne nennt, eine diffuse Struktur und keine direkten Ansprechpartner zu haben scheint?

Wolffsohn Was des einen Gefahr, ist des anderen Ziel. Gefahr für Israel, Ziel von BDS: Israels Ende. Die Kampagne ist nicht diffus, sondern strategisch: mit der Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Diese wirkt auf Politiker, entscheidet letztlich Wahlen und bewirkt eine andere Politik. Das bedeutet: Die wunderbaren Instrumente der Demokratie werden im Namen der Menschlichkeit für Unmenschliches missbraucht – das Auslöschen eines Staates. Da der Konflikt um den Judenstaat Israel seit 1882 tobt und vielschichtig ist, fehlt den meisten ein umfassendes Wissen darüber.

Viele BDS-Unterstützer sehen in Israel und im Verhältnis zu den Palästinensern ein koloniales Gebaren. Kann man diesen Vergleich ziehen?

Wolffsohn Unsinn bleibt Unsinn, egal von wem er immer wieder neu vorgetragen wird. Im Rahmen der Entkolonialisierung gab es nur einen Staat, über dessen Gründung von der UNO abgestimmt wurde: Israel, am 29. November 1947.

Es gab Bestrebungen von BDS, Israel als Apartheid-Regime zu deklarieren.

Wolffsohn An der falschen Apartheit-Beschuldigung zeigt sich die Absurdität von BDS besonders deutlich. Israel ist das einzige Land im Nahen Osten, in dem Araber, christliche wie muslimische, Drusen wie Beduinen überhaupt wählen dürfen. Bis 2019 war die Arabische Liste drittstärkste Fraktion im Parlament. Frau und Mann sind gleichberechtigt. Homosexuelle können sich nach Belieben entfalten. Überall da, wo Palästinenser außerhalb des israelischen Staatsgebiets leben, werden ihnen diese Rechte vorenthalten. Dass die BDS-Forderungen signifikant umgesetzt werden, sehe ich nicht. In fast allen westlichen Ländern hat man inzwischen verstanden, dass es um die Vernichtung Israels gehen soll, und das wird nicht passieren.

Warum sind vor allem – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – Popmusiker anfällig für BDS-Forderungen?

Wolffsohn Jeder redet gerne mit, auch Ahnungslose. Faktenschwach und meinungsstark. Der Verführung ständiger Meinungsbekundungen erliegen in Massengesellschaften besonders sogenannte Stars. Die Massen himmeln sie an, und am Ende halten sich einige für fast so etwas wie den lieben Gott. Die Musiker sollten Musik machen. Ihre Gedanken sind frei und sie können so viel politisieren, wie sie wollen. Ihren Adressaten steht freilich ebenso frei, jene freien Gedanken zu verwerfen, weil die faktenfrei und kenntnislos sind.

In Nordrhein-Westfalen sind Bands von Festivals ausgeladen worden, die BDS-Unterstützer sind. Ist das der richtige Weg?

Wolffsohn Schwer zu beantworten. Insgesamt richtig, um zu zeigen: Bis hierher und nicht weiter. Anderseits macht man diese Wichtigtuer als Märtyrer gewichtig und dadurch scheinbar wichtig.

Was müssen Konzertveranstalter künftig bedenken? Müssen sie jedem Künstler zuvor eine Art „politische Unbedenklichkeitsbescheinigung“ ausstellen?

Wolffsohn Sie müssen sich überlegen, ob sie nicht politisch als „nützliche Idioten“ missbraucht werden und ob sie für die Vernichtung des Judenstaates sein wollen.

Und wie hilfreich ist eine auch offizielle Verurteilung von BDS wie zuletzt durch den Deutschen Bundestag? Zeigt das überhaupt Wirkung?

Wolffsohn Es ist ein erster Schritt. Nun muss die Umsetzung funktionieren. Norbert Röttgen und Co versuchen schon jetzt, die Umsetzung zu verhindern.

Würden Sie sagen, dass BDS die neue Form des Antisemitismus im 21. Jahrhundert ist?

Wolffsohn Ja, und die vielen BDS-Gutmeinenden – es gibt sie – merken es nicht. Sie werden missbraucht. Höchste Zeit, aufzuwachen.

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