"Mein Blind Date mit dem Leben" - Film über blinden Saliya Kahawatte

"Mein Blind Date mit dem Leben": Der Blinde, der nicht hören will

Saliya Kahawatte sieht fast nichts mehr. Trotzdem hat er viele Jahre als Kellner gearbeitet. Ein neuer Film erzählt Teile seiner Biografie.

Er war 15, als er morgens die Augen aufschlug und die Welt nur noch wie durch eine Milchglasscheibe sah. Akute Netzhautablösung. 90 Prozent seiner Sehkraft waren verloren. Von da an hörte Saliya Kahawatte nur noch, was er alles nicht schaffen werde: Abitur an der Regelschule - keine Chance. Traumberuf Hotelmanager - wie sollte das gehen?

Kahawatte hat sich die Warnungen, Mahnungen, Vorsichtsreden angehört und ziemlich schnell beschlossen, nur noch dem eigenen Gefühl zu folgen. Er hat auf seine Sturheit gesetzt - und auf seine Talente. Erst machte der Sohn einer deutschen Mutter und eines singhalesischen Vaters Abitur auf dem Gymnasium. Seine Mutter und seine Schwester lasen ihm nachmittags aus den Schulbüchern vor. Er lernte alles auswendig, trainierte sein Gedächtnis, machte es zur Hochleistungsmaschine. Dann machte er die ersehnte Ausbildung zum Hotelfachmann - ohne seinen Chefs zu sagen, dass etwas mit seinen Augen nicht stimmt.

Er erarbeitet sich ein ausgefeiltes System, um seine Sehschwäche auszugleichen. "Ich hatte eine Choreografie für die Welt der Sehenden", sagt er, "und habe die immer weiter perfektioniert." Der junge Kellner lernt Getränkekarten, Speisekarten, Buchungsnummern, Preise auswendig. Schaut sich nach Dienstschluss mit der Lupe die Flaschen im Weinkeller an und prägt sich ein, wie sie sich anfühlen. Er hörte am Klang, ob ein Glas sauber ist oder benutzt, an der Bar weiß er millimetergenau, wo die Flaschen stehen. Wenn er mixt, weiß er, wie lang die Liköre fließen müssen bis der Drink stimmt. Und damit er nicht daneben greift, wenn die Menschen ihm die Hand reichen wollen, streckt er seine zuerst aus.

"Natürlich haben Gäste an der Bar manchmal gemerkt, wenn ich in die falsche Richtung geschaut oder auf ihre Handzeichen nicht reagiert habe", erzählt Kahawatte. Er habe dann immer gesagt, dass er mit den Gedanken woanders sei. "Dabei war ich hochkonzentriert."

Anstrengend war dieses Leben, in dem Saliya Kahawatte vorgab, was nicht war, um nicht als Behinderter behandelt zu werden. Da war so viel Lebenslust in ihm. Und so viel Trotz, so viel Wille, sich nicht einschränken zu lassen. Auch nicht vom eigenen Körper. "Ich hab' mir immer gesagt: Du kannst Dein Leben nicht verlängern, also verdichte es", sagt er. Einer, der so tickt, arbeitet nicht in der Behindertenwerkstatt. Einer wie er setzt alles auf eine Karte.

Und zahlte eine hohen Preis dafür. Gegen den unglaublichen Druck, bei der Arbeit nicht aufzufliegen, trank Kahawatte Alkohol. Um sich die Folgen nicht anmerken zu lassen, nahm er Drogen. Irgendwann war das alles zu viel: totaler Absturz, Suizidversuche, Psychiatrie. "Ich wurde entmündigt, ein Vormund teilte mein Taschengeld ein, das war nicht cool", sagt er. Und als ob das nicht genug Schicksal sei für ein Leben, erkrankte der Mann, der sich mit ganzer Kraft gegen das sträubte, was die Gesellschaft in einem Blinden sieht, an Krebs, musste mehrfach um sein Leben kämpfen.

"Ich habe aus den Trümmern meines Lebens etwas Neues gemacht", sagt er heute. "Ich bin als Kind oft mit meinen Eltern auf Sri Lanka gewesen, ich weiß, wie Slums aussehen, wie viele Menschen überhaupt keine Chancen bekommen, darum habe ich meine genutzt." Kahawatte arbeitet inzwischen als Motivationstrainer und Coach, wird von Managern gebucht, die lernen wollen, wie man das macht: nicht aufgeben.

Ohne Startkapital hat er seine Unternehmensberatung "Minusvisus" gegründet, die heute zehn feste Mitarbeiter hat. 2009 hat er seine Autobiografie geschrieben, "Mein Blind Date mit dem Leben", auf der nun der Film basiert. Kahawatte bringt gerade sein zweites Kochbuch auf den Markt, in seinem Online-Shop kann man Saliya-Gewürz und Tee kaufen, eine eigene Kochshow ist in Planung. Kahawatte macht sich selbst zur Marke.

Der Film hilft dabei. Kahawatte hat am Drehbuch mitgeschrieben, mit Hauptdarsteller Kostja Ullmann trainiert und reist nun mit dem Filmteam auf Promotion-Tour. Auch Hollywood hat sich schon nach ihm erkundigt. "Ich trage meine Geschichte jetzt in die Welt", sagt er.

Saliya Kahawatte hat dieser Welt bewiesen, dass ein Mensch mit Sehbehinderung von anderen zum Blinden gemacht wird. Er selbst wusste das schon immer.

Sein Leben zeigt auch, wie anstrengend es ist, gegen die Realität anzuleben, Lügen auszufüllen, sich keine Schwächen zuzugestehen. Fragen nach Entschleunigung, nach ein wenig Rücksicht auf sich selbst, prallen an ihm ab.

Er sagt dann Sätze wie: "Alles, was ich tat, wollte ich, und alles, was ich wollte, tat ich." Oder, dass wohl mal "I did it my way" auf seinem Grabstein stehen werde.

Kahawatte musste früh lernen, auf seine innere Stimme zu vertrauen, nur den eigenen Maßstäben zu folgen, Bedenken in den Wind zu schlagen. Er musst ein Blinder werden, der nicht hört, um ganz Mensch sein zu dürfen.

(dok)
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