Matthias Hartmann inszeniert in Düsseldorf „Die Entdeckung des Himmels“

Theater : Im digitalen Himmel

Matthias Hartmann bringt in Düsseldorf das 800-Seiten-Werk „Die Entdeckung des Himmels“ in einer vierstündigen Inszenierung auf die Bühne. Beeindruckende Leistung, doch in die Tiefen des Romans führt das nicht.

Max ist Sternenkundler, ein Dandy und Weiberheld, der eine schreckliche Familiengeschichte mit sich herumträgt. Onno stammt aus einer elitären Politikerfamilie, ist ein zerzauster Privatgelehrter und Altsprachen-Genie. Als eine Anhalterfahrt die Männer zueinander führt, spüren sie sofort, dass ihre so unterschiedlichen Charaktere sich ineinander fügen. Da blicken Max, der Himmelsforscher mit dem schneidigen Seitenscheitel, und Onno, der Sprachenforscher mit dem wirren Haar, jeweils in eine Videokamera; und auf der gebogenen Bühnenleinwand schieben sich ihre Gesichter langsam übereinander; die Gegensätze werden eins. Sie selbst können das Glück ihrer Freundschaft kaum fassen. Sie ahnen ja nicht, dass ihr Zusammentreffen beschlossene Sache ist, dass Himmelsbewohner hinter der Videoleinwand hocken und ihre Geschicke bestimmen.

Bald werden die Freunde dieselbe Frau lieben und verlieren. Und das wird nur der erste Schicksalsschlag sein. Denn Gott macht sie zum Werkzeug, um sich seine Gesetzestafeln zurückzuholen. Er will den alten Bund zerbrechen, den der Mensch längst verraten hat.

Matthias Hartmann hat sich den Kosmos umspannenden Roman „Die Entdeckung des Himmels“ vorgenommen, eine metaphysische Familiengeschichte, in der Harry Mulisch über die großen Themen nachdenkt, über Väter und Söhne, Mann und Frau, über Schuld und Verstrickung während der Nazi-Zeit, über den teuflischen Egoismus des Menschen und die Allmacht Gottes, der seine Geschöpfe doch an Luzifer verliert.

Und schon mit seinem Vorspiel unter Engeln schwingt sich der Roman des Niederländers auf Augenhöhe mit Goethes Großkaliber „Faust“ und lässt die Menschheit zur Hölle gehen, weil sie es nicht besser verdient.

Hartmann entscheidet sich nun nicht für ein Thema aus diesem 800-Seiten-Werk, das ihm zum Antrieb für eine szenische Einverleibung des Stoffes würde. Er bleibt episch, die Figuren sprechen Romantext, beschreiben wortreich, was sie zugleich zu verkörpern suchen. Die Schauspieler meistern die Textmassen grandios, allen voran Christian Erdmann, der Onno zunächst als liebenswerten Chaoten zeichnet, ihn dann mit jedem Schicksalsschlag mehr zum modernen Hiob werden lässt. Auch die Freundschaft zu Max, den Moritz Führmann als empfindsamen Lebemann spielt, wird auf der Bühne lebendig. Anna-Sophie Friedmann ist eine ernste Ada, die selbstbewusst zwischen den beiden Freunden steht. Und auch in den Nebenrollen ringt das Ensemble dem Text gewisse Typen ab. Doch dürfen die Darsteller nie vollkommen aufgehen im Spiel, bleiben immer erzählte Figuren, die Handlung abarbeiten müssen.

Dazu setzt Hartmann in der Bühnengestaltung ganz auf Video. Das Umfeld seiner Figuren vom Ehebett bis zum karibischen Strand wird digital an die Höhlenwand gezaubert. Dabei entstehen treffende Sinnbilder und Effekte. Etwa, als die Kamera im Stil von Katie Mitchell eine Fahrt durch Havanna simuliert, indem sie ein Brett umkreist, auf dem eine kubanische Miniaturlandschaft aufgebaut ist. Teils muss das Video aber auch ersetzen, was Hartmann analog nicht inszenieren mag. In den Liebesszenen, die mit gefühligen Songs untermalt werden, mag man es noch gefällig finden, wenn flatternde Hände Wollust markieren.

Doch dann muss Videomalerei, ein stummer Schrei als verwischtes Standbild, auch herhalten, um Bilder für Auschwitz zu finden, den Inbegriff der Barbarei, den „anus mundi“, wie es im Roman heißt. Da flüchtet die Inszenierung vor der Darstellung des Undarstellbaren ins gestylte Klischee.

Harry Mulisch setzt seiner immer noch aktuellen Diagnose vom zerstörerischen Menschen, der sein Herz an Dinge hängt und die Erde ausbeutet, seine ausufernde Fabulierlust entgegen. Als allmächtiger Autor erfindet er ein göttliches Planspiel, in dem er all seine Gedanken zu Politik, Philosophie, Kunst, Religion hineinlegen kann. Gerade das Überbordende des Erzählens erweist sich als zutiefst menschlich, weil es sich dem Zweckkalkül des Materialismus widersetzt. In Düsseldorf wird das digital bebildert in vier Stunden auf die Bühne gebracht, glatt, unterhaltsam, ohne Irritationen.

Doch in die Tiefen und Wucherungen des Romans dringt das gerade nicht vor. Es ist das alte Dilemma der Romanadaption: Wenn eine komplexe Handlung auf die Bühne muss, ordnet sich das Theater dem Plot unter und macht sich zur Bebilderungsmaschine. Dabei geht es in Werken wie „Die Entdeckung des Himmels“ ja gar nicht um das Gerüst der Geschichte, sondern um die Höhenflüge und Abgründe jenseits dessen, was geschieht.

Davon ist in Hartmanns cooler, digitaler Himmelsinszenierung wenig geblieben. Das Premierenpublikum feierte den Abend mit langem Applaus.

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