Martin Walser stellt sich den Glaubensfragen

Cambridge Dass sich Martin Walser großen und mithin letzten Fragen widmet, gilt nicht erst seit seinem jüngsten Glaubensroman "Muttersohn". Jetzt hat er sich in einer Rede an der Harvard Universität dem Zentrum religiösen Denkens gestellt – mit der 2000 Jahre alten Frage nach der Rechtfertigung vor Gott. Kein Werk, und sei es noch so bedeutsam, kann dies nach seinen Worten bewirken. Wir sind allein auf Gottes Gnade angewiesen und in diesem Sinne rechtlos, ausgeliefert seinem Willen. Daraus folgt aber nicht, dass Gott willkürlich handelt, unberechenbar oder ungerecht wäre. Uns entziehen sich einfach nur die Maßstäbe seines Urteilens, weil unsere Kriterien immer nur menschlich sein können.

"Gerechtfertigt zu sein, das war einmal das Wichtigste", sagt Walser gleich zu Beginn seiner jetzt in der FAZ dokumentierten Rede. Wobei schon die Formel "Es war einmal" zeigt, dass dieser Anspruch des Menschen lange schon vergangen ist. Nach seinen Worten ist an die Stelle der Rechtfertigung das Rechthabenmüssen getreten – "eine Art Bewusstseinsimperialismus". Und die "ablenkungsstärkste Art" des Rechthabens ist die moralische. Aber: "Der bessere Mensch weiß nicht, dass er der bessere Mensch ist."

Walser wäre nicht Walser, exerzierte er solche Gedanken nicht auch an seiner eigenen Person. Und da gibt es Selbstrechtfertigungen zuhauf – besonders nach scharfen Zurechtweisungen des Zeitgeistes, wie er es nennt. Walser also rechtfertigt sich, warum er früh der deutschen Teilung und später in seiner Paulskirchenrede auch der "Lippengebetsroutine" zu Auschwitz misstraute. Walser über die Rechtfertigung, Walser über Walser – große Dispute am Lebensabend eines gottlob störenden Intellektuellen.

(RP)
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