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Männer ohne Hoffnung

Männer ohne Hoffnung

"Manchester By The Sea" berührt durch großartige Schauspieler-Leistungen.

Etwa auf der Hälfte der 137 Filmminuten liegt eine Viertelstunde, die alles erklärt. Sie erzählt von der Tragödie einer Nacht, mit einer Wucht, die sich einem in den Kopf brennt. Zuvor hat man Lee (Casey Affleck) kennengelernt, einen wortkargen Bostoner Hausmeister, der betrunken zu Wutausbrüchen neigt und umherläuft wie einer, den das Leben in den technischen K.O. geknüppelt hat. Gerade ist Lees Bruder Joe (Kyle Chandler) in seinem tristen Heimatort Manchester-by-the-Sea verstorben. Joe hat Lee zum Vormund seines Sohns Patrick (Lucas Hedges) bestimmt. Also kehrt Lee zurück, doch er sträubt sich gegen die Verantwortung. Hinzu kommt das schmerzliche Wiedersehen mit seiner Exfrau Randi (Michelle Williams), für das beide nicht gewappnet sind. Bei den Oscars im Februar war das Indie-Drama "Manchester by the Sea" mit sechs Nominierungen der Gegenentwurf zu "La La Land": Fern von Glamour und Wohlfühlsongs drehte sich der Film um echte Dramen. Einen Oscar bekam Regisseur Kenneth Lonergan für das beste Drehbuch, den anderen Affleck für das unprätentiöseste Spiel des Jahres.

In jener Nacht hat Lee Freunde in den Keller seines Hauses eingeladen. Die Männer spielen Billard, saufen und koksen, nicht zu knapp. Irgendwann platzt Randi herein, wegen des Krachs können sie und die drei Kinder nicht schlafen. Kichernd wirft Lee die Meute raus, aber der Abend endet hier nicht. Sondern in einer Katastrophe, so unfassbar, dass sie Lee in einen lebenden Toten verwandeln wird. Es ist eine Rolle, wie entworfen für das proletarisch introvertierte Spiel eines Casey Affleck. Einsilbig brilliert der 41-Jährige sich durch den Film, die Schultern hochgezogen gegen die Kälte, den Kummer, die Schuld.

Matt Damon, von dem die Idee stammt und der für Hauptrolle und Regie vorgesehen war, wird das gewusst haben, als er den Part an Ben Afflecks kleinen Bruder und die kreative Verantwortung an Lonergan ("You can count on me") weitergab. Berührend leise nähert sich der nun einem White Trash-Vater, der versagt hat und das kein zweites Mal riskieren kann. Um ihn herum zeigt der Film ungeschönt das Leben am Rand der US-Gesellschaft. Männer, die ohne Hoffnung leben. Gefühle werden an den Rand gedrängt, Frauen auch, und wenn sich mal eine ins Bild stemmt, hat das fast was Befreiendes. Ein Grund mehr, gut auf die oscarnominierte Michelle Williams zu achten: Wie sie in einer Handvoll Szenen der Leinwand ihren Stempel aufdrückt, das muss man erst mal schaffen.

(RP)