Madonna lehrt Köln das Fürchten

Madonna lehrt Köln das Fürchten

Der 53-jährige Superstar gab ein Konzert in der Lanxess-Arena. Es wurde ein zutiefst pessimistischer Abend. Madonna brachte ihre Hits in vergifteten Versionen, die weitgehend auf Melodien verzichteten. Ein Bericht aus dem Herzen der Finsternis.

Köln Madonna hasst die Menschen. Sie hasst sie dafür, dass sie nicht ins Kino gehen mochten, als "W. E." lief, jener Kostümfilm, in den die 53-Jährige so viel Herzblut hat fließen lassen. Sie hasst sie dafür, dass sie ständig nach Spuren des Alters an ihrem Superstar-Körper suchen, nach Falten und dicken Adern. Und sie hasst sie, weil es niemandem gelingt, so zu sein wie sie, und weil sie nun auf ewig alleine bleiben muss an der Spitze und von dort auf die anderen hinabsieht. Also bestraft sie die Menschen, sie lockt sie in die großen Hallen und lässt sie erst mal eine Stunde in der Hitze warten. Und dann liefert sie einen Auftritt ab, der kein Konzert ist, sondern ein Umerziehungscamp, jedenfalls hat es dieselbe Soundkulisse wie drei Wochen Ausbildungungslager für angehende Terroristen. Kurzum: Die zweieinhalb Stunden mit Madonna in Köln hatten so viel positive Energie wie ein Videoabend mit den Filmen "Gegen die Wand", "Das weiße Band" und "Wenn die Gondeln Trauer tragen".

15 000 Fans waren in die Arena gekommen, und die meisten werden sich ordentlich gewundert haben über Madonnas Pessimismus. Die Bühne war dem Bleikeller einer gotischen Kathedrale nachempfunden, darin marodierte Madonna mit Gewehren und Pistolen, und als sie nach 15 Minuten "Papa Don't Preach" sang, hatte das Flintenweib bereits zwei Dutzend Muskel-Mönche hingerichtet. Sie verweigerte dem Publikum die Erlösung, sie gönnte ihm keine Melodie, fast jedes Stück brachte sie in vergifteten Versionen, selbst der Disco-Hit "Hung Up" kam ohne Beat daher – als atmosphärisches Dräuen, reiner Suspense. Dazu konnte man nicht mehr tanzen, nur noch seufzen.

In diesem ersten Drittel der Veranstaltung, die so bestürzend heftig war, wie die Band Rammstein es nie hinbekommt, hörte man ständig Gewehrverschlüsse schnappen und Knochen brechen; die Projektionen auf den mächtigen Leinwänden zeigten Feuer und Asche, Grabsteine und Rauch. Der Mensch war dem Menschen einst ein Wolf, Madonna ist den Fans nun ein Bluthund, und wer jüngst "Snow White & The Huntsman" im Kino sah, die böse und phantastische Neuverfilmung des Märchens von Schneewittchen, der hat einen guten Vergleich: So kalt und herzlos Charlize Theron die Königin in ihrem dunklen Turm spielt, so trat auch Madonna auf. Sie schien ihren Tänzern die Energie auszusaugen, geradezu wutlüstern davon zu leben.

"Jetzt noch nöcher", so lautete das Motto des Abends, es ging Madonna um totale Überwältigung, und als man gerade dachte, nun wird es doch noch lustig und leicht, begann "Express Yourself". Madonna kam als Funkemariechen auf die Bühne, weiß-rote Uniform, doch an der Decke der Arena folgten zehn wilde Trommler an stählernen Fäden, die ebenso angezogen waren, aber nichts Gutes im Schilde führten. Auf ebener Erde marschierten zehn weitere Trommler, dann wurden Kuben aus dem Boden gedrückt, darauf sah man noch einmal hundert Trommler. Zu ungehörigem Krach zog das Kommando in den Krieg, es begann "Give me All Your Luvin'", und man dachte: Verhauen darf sie uns nicht, deshalb lässt sie so ihren Dampf ab.

So war es – anstrengend und ohne Transzendenz, wobei es bei Madonna überflüssig ist, die Professionalität der Show zu erwähnen oder die Makellosigkeit der Choreographien. Einzig "Vogue" ließ Luft zum Atmen, dazu lief Madonna in Kostümen von Gaultier über einen Laufsteg. Aber das eigentlich Verwunderliche war nun mal die Düsternis dieses Mainstream-Produkts, die man beim Titel "Open Your Heart" abermalig spürte: jeder Vers des an sich positiven Stücks eine Klinge, jeder Trommelschlag ein Hieb aufs Gesicht. Selbst als Mann von Ende 30 fühlte man sich hier als kleiner Junge, als armer Pinsel, dem die Mathe-Lehrerin mit einer Fünf droht. Vor Madonna musste man Angst haben.

Sie hielt dann auch noch eine Ansprache, hinter ihr sprangen Männer in Guantanamo-grellen Kitteln über die Hindernisbahn eines militärischen Sperrgebiets, auf den Monitoren zogen die Konterfeis von Sarah Palin und Marine Le Pen vorüber. Es stehe schlimm um die Welt, mahnte Madonna, sie zählte Schurkenstaaten und Krisenregionen auf, und es waren verdammt viele Namen. Man sieht so etwas ja oft zurzeit, im Kino zumeist: Dystopien, Bilder einer Zukunft ohne Menschen, entvölkerte Regionen, Kriegsversehrtheit. Madonna gestaltete daraus einen Konzertabend, ein Musical aus dem Herzen der Finsternis, und als eine wackere Frau ein Schild mit der Aufschrift "We Love The Queen" hochhielt, dachte man wieder an "Snow White & The Huntsman": "Jede Zeit hat die Königin, die sie verdient", sagt Charlize Theron da.

Nichts gegen Madonna, die Gigantin. Aber: Hoffentlich dauert diese Regentschaft nicht mehr allzu lange.

(RP)
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