Lyriker Michael Lentz über Donald Trump

Interview Michael Lentz: „Wir werden mit Sprache vergiftet“

Der Dichter kommt zum Poesie-Fest ins Düsseldorfer Heine Haus. Er spricht über Donald Trump, Alexander Gauland und die Gefahr des kalkulierten Tabubruchs.

Am Freitag beginnt im Heine-Haus das „Poesie-Fest“, drei Tage lang geht es dann vor allem um experimentelle und Konkrete Poesie. Der Dichter Michael Lentz wird dort unter anderem zu erleben sein; er interviewt die Kollegen Franz Mon und Eugen Gomringer. Wir sprachen mit Michael Lentz, der soeben das Requiem „Schattenfroh“ veröffentlicht hat, über die Bedeutung von Sprache und Lyrik in schwieriger Zeit.

Ich habe das Gefühl, dass wir gerade besonders genau auf die Sprache achten müssen, in der wir miteinander sprechen. Konkret: AfD und Donald Trump dehnen die Sprache und verschieben die Grenze dessen, was sagbar ist. Das Ergebnis sind Tabubruch und Menschenfeindlichkeit. Finden Sie das auch?

Michael Lentz Sprache erzeugt innere Bilder, und die haben oft eine Wirkung, die wir nicht kontrollieren können. Bei Kafka steht in den Tagebüchern ungefähr der Satz: „Das Wort ist nun mal in der Welt, das Wort kann nicht mehr herausgeschafft werden.“ Das ist vielfach anwendbar, es meint auch das Gerücht und die Lüge. Aber es gilt allgemein, denn man kann ja nichts zurücknehmen. Man kann nur etwas sagen und dann zurücknehmen im intuitiven Wissen darum, dass nichts zurückgenommen werden kann, weil der Virus in der Welt ist und längst viral arbeitet.

Wenn also Alexander Gauland sagt, die NS-Zeit sei nur ein Vogelschiss in der Geschichte . . .

Lentz Was müsste da alles zurückgenommen werden? Es müssten die Assoziations- und Denkprozesse, es müssten die Schlussfolgerungen derer zurückgenommen werden können, die davon gehört und es gelesen haben. Und damit müsste ja ein Medium die Macht haben, in die Imagination der Leute einzugreifen – was ja der Wunschtraum des totalitären Staates ist. Deshalb können Politiker, die solch einen Tabubruch begehen, ganz bestimmte Meldungen lancieren, weil diese Meldungen im Kern gar nicht die Botschaft sind. Sondern eben das Aufregen und Futterbekommen, um etwa gegen Merkel zu sein. Das will man bedienen – koste es, was es wolle.

Wenn Gauland also sagt . . .

Lentz . . . wenn Gauland also sagt, die NS-Zeit sei nur ein Vogelschiss in der Geschichte, empören sich die Leute aus gutem Grund. Und genau darum geht es ihm. Zurücknehmen kann er das nicht. Nie wieder. Und die Konsequenzen seiner Aussage kann er gar nicht überblicken.

Wir werden durch Worte vergiftet?

Lentz Natürlich. Man kann mit Metaphern Monster in die Welt setzen. Und diese Monster werden mit der Zeit Tatsachen. Die Schurkenstaatmetaphorik der USA hat Monster in die Welt gesetzt. In der Rhetorik soll die Verbindung zwischen „res“ und „verba“, also zwischen dem Ding beziehungsweise der Tatsache und dem Wort dafür, angemessen sein. Diese Angemessenheit ist aber längst torpediert. Dass so einer wie Trump, ein ungepflegter, geistig dürftiger Typ, überhaupt Präsident geworden ist, ist bereits ein Zeichen der Mimesis. Ein Zeichen dafür, wie Grenzen überschritten wurden. Trump ist die Konsequenz dieser sprachlichen Entwicklung.

Brauchen wir gerade jetzt besonders nötig Gedichte?

Lentz Ich glaube, wir brauchen gerade jetzt besonders nötig politische Aufklärung.

Kann das Gedicht dazu beitragen?

Lentz Das liegt am Format, an der Sprechweise und Erscheinungsweise des Gedichts. Die Konkrete Poesie hat ja immer schon dazu beigetragen zu gucken, welche Verhältnismäßigkeiten es zwischen Sprechen, Denken, Wahrnehmung und Wirklichkeit gibt. Insbesondere in Südamerika war die Konkrete Poesie immer politisch ausgerichtet. Aber auch hierzulande: Stichwort Eugen Gomringer, „Avenidas“.

Dieses Gedicht ist an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin zu lesen. Es soll aber ausgetauscht werden, weil es angeblich sexistisch ist.

Lentz Sobald Sprache im öffentlichen Raum erscheint, stellt sie ein gewisses Reizmoment dar und führt auch zu Widersprüchen oder Nachdenklichkeiten. In der Verhältnismäßigkeit von Sprache und Wirklichkeit bilden sich auch politische Verhältnisse ab.

Warum haben sich über Gomringer so viele Menschen aufgeregt?

Lentz Je reduzierter etwas ist, je stärker etwas zu fehlen scheint, desto stärker fühlen sich die Leute berufen, die Leerstellen zu füllen. Die Frage, die sich dann stellt, ist: Welches Verhältnis gibt es zwischen den Leerstellen und dem, was als Wahrnehmungsangebot tatsächlich da ist? Welcher Abgleich findet da statt? Das ist ein Reizmoment. Je reduzierter der Text ist, je größer also die Schwundstufe, desto größer die Irritation über das, was da fehlt. Hinzu kommt, dass heute mit anderen Brillen gelesen wird. Es gibt andere Diskurshorizonte als zu jener Zeit, da diese Texte entstanden sind. Sie sind ja mitunter 65 Jahre alt. Hochinteressant ist, dass so alten Texten, die eigentlich aussortiert erscheinen, plötzlich eine explosionsartige Aktualität zugewiesen wird.

Konkrete Poesie, sagen manche, sei die Avantgarde von gestern.

Lentz Wer das sagt, soll sich nur mal umschauen, wie weit diese Avantgarde in die Speerspitze von Design und Werbung hineingekommen ist. In Werbeslogans werden heute Techniken verbreitet, die über die Schwundstufen der Konkreten Poesie bereits erprobt wurden. Und die Gestaltung von Konkreter Poesie als Irritationsmoment funktioniert immer noch. Es führt immer noch zu ganz bestimmtem Nachdenken.

Welche Techniken der Werbung meinen Sie?

Lentz Scheinbare Paradoxien. Fertigteilsprache. Feststehende Wendungen, die als solche nicht mehr hinterfragt werden. Auslassungen. Der Leser als Schauender. Konkrete Poesie ist ja auch ein Meditationsangebot, man versenkt sich darin. Das Versenken ist oft die geeignetere Interpretationsmöglichkeit, als direkt die hermeneutische Keule herauszuholen. Und: das Spiel mit Unvollständigkeiten. Wenn etwas, um das es in der Werbung geht, gar nicht in der Werbung auftaucht, dann ist das so etwas. Der Betrachter ist selbst aufgefordert zu kombinieren. Er muss in Beziehung setzen. Das sind präfigurierte Strategien aus der Konkreten Poesie.

Kann ein Gedicht eine Waffe sein, um sich zu verteidigen?

Lentz Vielleicht individuell. Ossip Mandelstam und Paul Celan sind Beispiele. Leute, die verfolgt wurden. Für die war das Gedicht der letzte Grundsatz im sprichwörtlichen Sinne, der letzte Besitz, den es zu schützen galt. Das kann man auch bei Herta Müller finden. Da hat das Gedicht so etwas wie die Kraft zur Identitätsbildung, zum Eigennamen. Da können Gedichte lebensrettend sein.

Und Gedichte als Waffe? Gibt es einen Dichter, dessen Gedichte einen Schutzwall bilden?

Lentz Derjenige, der das Format dazu hatte, war Brecht. Nehmen Sie seine „Kriegsfibel“. Da sieht man Fotos und darunter ein zackiges Epigramm. „Hitler stieß vor, und Gott kam nicht mehr nach.“ Das ist stark. Einzigartig. Aus der Not der Situation akut reagiert. Oder manche Gedichte aus „Feiggehege“ von Oskar Pastior.

Mein Sohn ist zehn. Welches Gedicht soll ich ihm vorlesen, damit er Lust auf Lyrik bekommt?

Lentz Für mich ist Rilke nach wie vor der wichtigste Dichter.

Warum?

Lentz Er ist umfassend. Der große Denker und der, der die paradoxalsten Denkfiguren viral hinterlässt. Seine Formgestaltung ist schön. Und das, was innerhalb der Form zum Ausdruck kommt. Wen lesen? Manche Barockgedichte: Gryphius. Aber nicht lehrmeisterlich anlegen!

Ach, dann nehme ich den „Panther“ von Rilke.

Lentz Ja, Rilke ist gut. Aber auch Tucholsky. Robert Gernhardt ist auch gut. Morgenstern, Ringelnatz. Formstrenge, großartige Dichter, die auch komisch sind, ohne die Qualität ihrer Gedichte dadurch zu mindern.

Ich nehme den „Panther“.

Lentz Der „Panther“ ist gut, weil man es bei der der bloßen Wahrnehmung, die dieses Gedicht stiftet, belassen kann. Man kann Rilke auch konkretistisch lesen und muss nicht die Hermeneutik auf der vierten Stufe in Anschlag bringen.

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