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Ludwig van Beethoven: Herzrhythmusstörungen nach Noten

Herzrhythmusstörungen nach Noten

In einigen Kompositionen hat Beethoven, so glauben Forscher, sein verkorkstes EKG in Töne gefasst.

Man schätzt ihn wegen seiner legendären Kompositionen, doch Ludwig van Beethoven selbst sah sich als Leidenden. Nicht nur, dass er schwerhörig und am Ende taub war, er litt auch unter Herzrhythmusstörungen. Und die gelangten, wie jetzt US-amerikanische Wissenschaftler herausgefunden haben, sogar bis in Einzelheiten seiner Kompositionen.

"Ich bringe mein Leben elend zu", so schrieb Beethoven in einem Brief, und er hatte guten Grund zu dieser resignierenden Feststellung. Denn nicht nur seine Ohren ließen ihm im Stich, was ihn nicht vom Komponieren abhielt. Er litt auch unter anderen Krankheiten, so dass Ärzte bei ihm ein- und ausgingen.

So hatte er mit rheumatischen Beschwerden zu kämpfen, und immer wieder mit Schnupfen, Asthma, Nasenbluten und Unterleibskrämpfen. 1810 stürzte Beethoven schwer auf seinen Kopf, weil er aufgrund seiner Fehlsichtigkeit kaum etwas sehen konnte. In seinen letzten Lebensmonaten lag er sogar nur noch im Bett, täglich kamen mindestens zwei Ärzte zur Visite. Ihr Patient hatte offenbar akute Leberprobleme, mit Gelbsucht, Brechdurchfall und starker Wassersucht, so dass man ihn punktieren musste. Nach einem dieser Nadelstiche notierte ein Arzt: "Fünf und eine halbe Maß". Also fast sechs Liter Flüssigkeit. Was Beethoven mit dem ihm eigenen derben Humor kommentierte: "Besser Wasser aus dem Bauch als Wasser aus der Feder."

Weitaus weniger gelassen betrachte Beethoven jedoch seine Herzrhythmusstörungen. Sie begleiteten ihn ähnlich lange in seinem Leben wie seine Hörprobleme, die ja vermutlich ebenfalls mit seinen Herz-Kreislauf-Problemen zusammenhingen. Wie stark den Komponisten sein Herzstolpern beschäftigte und in seiner Arbeit beeinflusste, zeigt nun auch eine Studie der University of Washington School of Medicine.

Die Wissenschaftler entdeckten, dass Beethoven die unregelmäßige Arbeitsweise seines Herzmuskels musikalisch verarbeitet hat. Und zwar gerade in seinem Spätwerk, das zu der Zeit entstand, als er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Studienleiter Zachary Goldberger meint, darin diverse Kompositionen mit Anlehnung an das Herzstolpern gefunden zu haben. Wie etwa der 5. Satz des Streichquartetts Nr. 13, in dem ein unregelmäßiges, bedrohliches Auf- und Abschwellen zu hören ist. Beethoven gab hier den Musikern sogar die Anweisung mit auf den Weg, dass sie das Stück "beklemmend" spielen sollten - und auch das ist ja ein typisches Symptom für Herzrhythmusstörungen.

Aber auch in anderen Stücken wurden die Forscher fündig. Wie etwa in der Klaviersonate Nr. 31 und dem Anfangsteil der Klaviersonate Nr. 26, besser bekannt als "Les Adieux". Bei einigen Stücken seien die Parallelen zu einer Herzrhythmusstörung so frappierend, erklärt Goldberger, dass man sie als "eine Art musikalisches EKG" bezeichnen könnte. Womit aber keineswegs das Genie des Komponisten bestritten wird. Denn große Komponisten verstehen es, ihre Umwelt und ihre Stimmungen kreativ in ihre Werke einzubauen - und die werden natürlich auch von schweren Erkrankungen geprägt.

Es ist daher kein Wunder, dass auch die Kompositionen anderer kranker Musiker den Stempel ihrer Beschwerden tragen. So verewigte Smetana seinen Tinnitus mit einem Streichquartett. Michael Jackson verarbeitete in seinem "Thriller"-Album die Traumata seiner Kindheit, und Chris Rea wechselte nach überstandenem Krebs vom Pop zurück zum Blues. Doch nicht immer tritt der Zusammenhang mit der Krankheit so offen zutage. "Meistens muss man schon genau hinhören, wenn man spüren will, wie die Krankheit mitspielt", erklärt Goldberger. "Denn sie spielt eher im Hintergrund."

(RP)