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Loveparade: Schlosstheater Moers inszeniert eine Chronik der Katastrophe

Uraufführung : Moers bringt Stück über Loveparade-Katastrophe

Am 24. Juli jährt sich die Loveparade-Katastrophe zum zehnten Mal. Das Schlosstheater in Moers wagt mit der Inszenierung „Parade 24/7“ eine künstlerische Aufarbeitung der Tragödie, die auf juristischem Wege nicht zu gelingen scheint.

Der Prozess wurde erst sieben Jahre nach der Katastrophe eröffnet, 2019 folgte die Einstellung des Verfahrens gegen sieben Angeklagte, 2020 droht die Verjährung. Das Schlosstheater beantwortet in seinem Stück aber nicht die Schuldfrage. Die Schauspieler schlüpfen in der Regie von Intendant Ulrich Greb behutsam in die Rolle von Chronisten der Katastrophe, die 21 Tote und 600 verletzte Menschen forderte.

Die Inszenierung, die auch Betroffene in der Premiere am Mittwoch erlebten, ist ein groß angelegtes Rechercheprojekt und basiert auf Gesprächen mit Augenzeugen, Angehörigen der Opfer, Journalisten und Prozessbeteiligten. Greb entwickelte aus Zitaten eine Textcollage, die in ihrer für sich selbst stehenden Nüchternheit eine emotional aufwühlende Atmosphäre im Zuschauersaal bewirkt. Die sechs Schauspieler stehen im ersten Drittel mit dem Rücken zum Publikum, gesichtslos und anonym. Die Bühne ist in Schwarz gehalten, das Ensemble trägt graue Anzüge. Die Choreografie seiner Bewegungen ist in der Soundkulisse des mexikanischen Musikers Emilio Gordoa rhythmisch wiegend. Das Krächzen von Funkgeräten überlagert die Musik. Funksprüche der Ordnungskräfte wechseln sich im Minutentakt mit in Interviews gemachten Aussagen der Veranstalter und Politiker ab, als handele es sich um Parallelwelten, die nicht zueinander passen. „Die Metropole Ruhr lebt“ – so feiern die Veranstalter das Event, während an den Einlässen über Funk schon 500 aufs Gelände strömende Personen pro Minute gemeldet werden. Auch auf der Bühne in Moers wird es erdrückend eng. Eine Flut schwarzer Luftballons dringt immer tiefer in den Bühnenraum ein. Die Schauspieler sind kaum zu sehen. Ihre Bewegungen werden im antreibenden Takt der Musik immer schneller und steigern sich zum Herzschlag-Tempo – bis die plötzlich einsetzende Stille das Spiel zum Stillstand bringt. Die Szene wechselt, die Dokumentation der Ereignisse geht weiter: Betroffene werden im Konjunktiv zitiert, die für die Organisation Verantwortlichen namentlich genannt. Versprechen nach lückenloser Aufklärung stehen Zitate aus einem quälenden Prozess ohne Antworten gegenüber. Die im Vorfeld geäußerte Sorge, dass das Theater auf Sensationslust aus sein könnte, hat das Ensemble entkräftet. Die Inszenierung hinterfragt mutig, wie es zu der Katastrophe kommen konnte und was in einem System falsch läuft, in dem die Aufarbeitung der Tragödie ohne strafrechtliche Konsequenzen für eine Vielzahl von mutmaßlich Schuldigen bleibt.

www.schlosstheater-moers.de