Literaturnobelpreisträgerin Tony Morrison stirbt 88-jährig

Nachruf Toni Morrison : Tony Morrison stirbt 88-jährig

Als erste Afroamerikanerin bekam Toni Morrison den Nobelpreis für Literatur verliehen. Sie starb jetzt im Alter von 88 Jahren.

„Wir spielten noch auf dem Fußboden, meine Schwester und ich, also muss es 1932 oder 1933 gewesen sein, als wir hörten, dass sie kommen würde.“ Wer sich da so dröhnend ankündigt, ist Millicent MacTeer, die legendenumwobene Urgroßmutter, eine gefragte Hebamme und das majestätische Oberhaupt der Familie. Wenn sie den Raum betrat, standen alle Männer auf, unaufgefordert. Das klingt ein bisschen nach magischem Realismus, mit dem uns Gabriel Garcia Marquez verzauberte. Aber auf jeden Fall nach Erinnerungen an eine Kindheit, wie wir sie uns gerne vorstellen würden.

Vielleicht beginnt Toni Morrison genau deshalb so lieblich, um uns zu sagen, dass eine sogenannte schwarze Kindheit genau das nicht ist: nämlich ein unbekümmertes Aufwachsen. „Romantisierte Sklaverei“ hat Morrison die Geschichte genannt, und erschienen ist sie in einem Essayband mit dem nicht weniger gewaltigen Titel „Die Herkunft der anderen“. Am Montagabend ist die US-amerikanische Autorin im Alter von 88 Jahren gestorben.

Dass der Rassismus das große Thema in ihren elf Romanen, in Essays und Interviews wurde und geblieben ist, war nicht irgendeine Entscheidung. Ausgrenzung von Menschen allein wegen ihrer Hautfarbe musste sie selbst erleben und erleiden. Nur geduldet oder resignierend hingenommen hat sie Rassismus nie. So wehrte sie sich dagegen, die „schwarze Stimme Amerikas“ genannt zu werden, als sei das irgendeine Auszeichnung.

Ihre Kritiker mutmaßten gar, man habe ihr vor allem wegen der Hautfarbe den Literaturnobelpreis 1993 zuerkannt. Zu dieser höchsten Auszeichnung sagte Morrison nur, es sei eine nette Erfahrung gewesen. „Na ja, es war nett für Amerika.“

Toni Morrison wird diesem Amerika fehlen, das wieder Zäune aufzustellen beginnt. Doch ihre Stimme bleibt in den so wundersamen und beschämenderweise immer noch aktuellen Büchern wie „Menschenkind“, „Paradies“ oder „Sula“. Wer unsere Zeit verstehen will, sollte Morrison lesen. Wer Toni Morrison verstehen will, sollte die Geschichte aus ihrer Kindheit lesen. Denn als die legendäre Urgroßmutter die Kinder erblickte, befand sie diese als zu hellhäutig. Ihr Kommentar: „Die Kinder sind verpfuscht worden.“

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