Ruhr 2010: Literatur statt Miete

Ruhr 2010: Literatur statt Miete

(RP). Der Konzeptkünstler Jochen Gerz hat zum Kulturhauptstadtjahr 2010 Menschen eingeladen, ins Ruhrgebiet zu ziehen und über ihr Leben in neuer Umgebung zu schreiben. Miete müssen sie nicht zahlen, dafür jeden Tag einen Text liefern – im Dezember wird das Gemeinschaftswerk erscheinen.

(RP). Der Konzeptkünstler Jochen Gerz hat zum Kulturhauptstadtjahr 2010 Menschen eingeladen, ins Ruhrgebiet zu ziehen und über ihr Leben in neuer Umgebung zu schreiben. Miete müssen sie nicht zahlen, dafür jeden Tag einen Text liefern — im Dezember wird das Gemeinschaftswerk erscheinen.

Zur Kunst geht's rechtsherum in die Sankt-Josephstraße. In einem der nüchternen Nachkriegshäuser, auf der Etage mit den wolligen Stickbildern an den Rauputz-Flurwänden, wohnt Dagmara Wozniak, 34, Filmemacherin. Sie ist erst vor kurzem in dieses Mietshaus in Duisburg-Hochfeld gezogen, und eigentlich lag ihr nichts ferner als das. Denn davor wohnte sie tief in der Eifel, einsam, in wilder Natur. Ein bisschen wie im Märchen. Und weil sie gern durch Wälder streift mit ihrem großen Hund, war das eine gute Zeit.

Doch Dagmara Wozniak hat die raue Idylle in der Eifel aufgegeben, um Teil eines Kunstprojekts zu werden. Das trägt den Namen "2-3 Straßen" und ist ein Werk des Konzeptkünstlers Jochen Gerz. Es ist einer seiner Beiträge zum Kulturhauptstadtjahr 2010 im Ruhrgebiet. Gerz will, dass Kunst in der Wirklichkeit etwas anrichtet, nicht eingesperrt bleibt im Museum. Darum hat er Menschen eingeladen, in drei Städten des Ruhrgebiets — in Duisburg, Mülheim und Dortmund — in leerstehende Wohnungen zu ziehen.

Miete müssen sie nicht zahlen. Dafür verpflichten sie sich, jeden Tag etwas zu schreiben. Egal was, egal wie lang. Die Autoren schicken ihre Texte über das Internet an eine zentrale Sammelstelle. Dort sind nun seit Jahresbeginn schon hunderte Seiten zusammengekommen, doch veröffentlicht werden sie noch nicht. Auch nicht gekürzt oder bearbeitet. Nur gesammelt.

Erscheinen sollen sie am Ende des Kulturhauptstadtjahres. Dann wird man in einem wahrscheinlich bibeldicken Buch ungefiltert nachlesen können, was 78 Menschen im Ruhrgebiet ein Jahr lang gedacht, gemacht, geschrieben haben. Denn so viele sind übriggeblieben von den ursprünglich 1457 Bewerbern um eine Wohnung. So viele wollten tatsächlich einziehen, als es konkret wurde.

Dagmara Wozniak hat sich für ihr neues Heim gerade eine Couch vom Sperrmüll besorgt. Schwarzes Kunstleder, gesteppt. Am Fenster in ihrer kleinen Küche hängen geblümte Gardinen, bilden einen knallbunten Rahmen für den tristen Ausblick in ihre Straße. Obwohl man dieser Wohnung ansieht, dass sie ein Kontrapunkt ist zum Ruhrgebiet piefiger Prägung, lebt Dagmara Wozniak gerne in ihrer neuen Straße. "Ich wollte mich auf eine andere Realität einlassen", sagt sie, "als Filmemacherin bin ich immer auf der Suche nach Menschen, Orten, Geschichten."

Und sie ist schon fündig geworden. Einen Schuhmacher gibt es dort, der noch von Hand fertigt und gerade seinen Sohn in den Betrieb einführt. Und ihr Nachbar ist Ur-Hochfelder, hat den Wandel des Viertels durchlebt. Dagmara Wozniak erzählt mit vielen Details von diesen Menschen, wie eine Forscherin, voller Achtung. Doch sie ist nicht nur zur Ruhri-Beobachtung nach Duisburg gezogen. "Ich finde auch den Kontakt zu anderen Künstlern wichtig", sagt sie, "miteinander kommt man auf Ideen."

Die neuen Bewohner des Viertels treffen sich einmal in der Woche in der Eckkneipe zum Stammtisch. Ein Straßenfest ist in Planung, außerdem will einer von ihnen künftig Mittagessen für alle Bewohner seiner Straße anbieten. Nun sucht er nach einer Riesenglocke, um zum Essen zu läuten. So nehmen sie langsam Kontakt auf, die alten und die neuen Bewohner der Straße in Hochfeld.

Und genau das ist ein Ziel von Jochen Gerz. "Kunst muss flüchtig sein, sie muss sich im Leben ausbreiten wie ein Virus", sagt er. "Wir möchten die Menschen nicht verdammen, Kunst nur zu konsumieren. Zuschauen ist zweite Wahl." Bei "2-3 Straßen" lasse sich Kunst auf die Wirklichkeit ein, Künstler verschanzten sich nicht in ihren Ateliers, sondern suchten den Kontakt zum Leben. Und nun sei er gespannt, wie diese Künstler ihre neue Umgebung im Ruhrgebiet verändern werden.

Dass da einer Kunst mit Sozialarbeit verwechselt — diesen Vorwurf kennt Jochen Gerz. Er kann darüber nur milde lächeln. "Wir müssen wieder lernen, die Realität mit all ihren Ungereimtheiten und Defiziten anzunehmen, sie generös zu umarmen. Das tun die Autoren, die ins Ruhrgebiet gekommen sind, und sie lassen andere daran teilhaben." So sollen schreibende Ruhrgebietsneulinge andere animieren, ihr Leben ebenfalls wach, reflektierend, kreativ zu gestalten. "Wir brauchen eine Republik der Autoren", so Aktionskünstler Jochen Gerz.

Noch ist diese Republik im Ruhrgebiet nur 2-3 Straßen groß. Doch sie ist auf Expansion angelegt. Die Infizierung des Ruhrgebiets mit Jochen Gerz' Virus der Kunst hat begonnen.

(RP)