Lit.Cologne: So klingt der Krimi

Lit.Cologne: So klingt der Krimi

Auch die diesjährige Kölner Großveranstaltung zur Literatur sucht sich wieder neues Publikum. Junge Leute werden am Rheinufer mit ihren Problemen und Sehnsüchten konfrontiert, Krimi-Fans werden musikalisch bedient – und auch im Zoo werden Bücher aufgeklappt.

Köln 200 Schüler auf einem Haufen – von denen wird kein Mensch erwarten, dass sie ruhig und konzentriert zuhören. Erst recht nicht, wenn es sich um eine Lesung handelt, und zwar auf dem Literaturschiff am Kölner Rheinufer, noch dazu bei Sonnenschein. Doch die Geschichte von Philipp Mattheis "Irgendwann passiert alles von allein" über die Freundschaft von vier Jugendlichen, Langeweile in den Reihenhaus-Vorstädten, Kiffen und die erste Liebe trifft den Nerv der Jugendlichen. Gebannt hören sie zu, staunen über die Lockerheit, mit der der 33-jährige Mattheis über jugendliche Themen spricht. "Das war eine ganz tolle Lesung mit Themen, die ich selbst kenne", sagt der 14-jährige Nico aus Köln.

Knapp 70 Veranstaltungen für Kinder finden beim größten Literaturfestival Europas, der Lit.Cologne, statt, ganze Schulklassen kommen zu den Lesungen. "Allein 10 000 Schüler besuchen die Veranstaltung ,Klasse-Buch'", erklärt die Organisatorin der Kid.Lit.Cologne, Angela Maas.

Am selben Abend strömen mehr als 4000 Menschen in die Kölner Arena. Dort, wo sich sonst Eishockeyfans, Altrocker und Karnevalisten treffen, geht es heute um Krimi-Literatur. Die Haute-Volée des Genres ist dabei: Sebastian Fitzek, die Allgäuer Krimiautoren Klüpfel & Kober; moderiert wird der Abend vom deutschen Über-Bestseller Frank Schätzing. Das WDR-Rundfunkorchester unter Leitung des Düsseldorfer GMD Axel Kober spielt die bekanntesten Krimi-Melodien im Medley. Hier steht das Event im Vordergrund, rund zweieinhalb Stunden Comedy, Lesung und Musik. Dazu gibt es einen halben Meter Bratwurst oder ein halbes Pfund Pommes mit einem Liter Cola für 7,90 Euro.

"Wir wollen ein Kulturfestival im breitesten Sinne sein", sagt Rainer Osnowski, einer der drei Organisatoren des Festivals. Der Lit.Cologne sei es gelungen, die Einstiegshürde zur Literatur zu senken und wegzukommen von einem Vergnügen für einige wenige Informierte. Durch den Eventcharakter wird der oft als langweilig und intellektuell überfrachtete Literaturbetrieb entstaubt und demokratisiert. Über den Erfolg dieses Konzeptes ist Osnowski immer wieder erstaunt: "Unser Festival ist im zwölften Jahr zu einem Selbstläufer geworden. Wir haben wohl den richtigen Nerv getroffen."

Bereits drei Wochen nach Beginn des Vorverkaufs waren 70 Prozent der Karten verkauft, insgesamt beträgt die Auslastung der rund 170 Veranstaltungen fast 95 Prozent. Weiter wachsen sollen die Lit.Cologne und das angeschlossene Kinderliteraturfestival allerdings nicht mehr. "Seit drei Jahren kommen rund 80 000 Besucher pro Jahr, dieses Niveau wollen wir halten, denn Lesungen erfordern einen intimen und familiären Rahmen", erklärt Osnowski.

So wie die Lesung von Texten der unbekannten russischen Schriftstellerin Nina Berberova mit Senta Berger und Roger Willemsen im Schauspielhaus. Vor Beginn stehen ältere Herren in Tweed-Sakkos vor dem Theater, trinken Kölsch und diskutieren über die Veranstaltungen der vergangen Tage. "Ich komme jedes Jahr. Gleich wenn das Programm rauskommt, suche ich mir die interessantesten Lesungen heraus", sagt Jens Palm im typischen kölschen Singsang. Man müsse schnell bestellen, sonst seien alle Karten weg. "Das Tolle ist die immense Auswahl an verschiedensten Veranstaltungen", fügt der Anwalt hinzu.

Nichts für gesetztere Menschen, sondern für die jüngsten Leser ist die Lesung des Michael-Ende-Buches "Filemon Faltenreich" im Elefantenhaus des Kölner Zoos. Gebannt hören die Sechs- bis Elfjährigen Michael Kessler zu. "Es gehört bei uns zum Konzept, dass wir die Veranstaltungorte auch thematisch aussuchen", sagt Angela Maas. So fanden schon Kinder-Lesungen auf der Trabrennbahn, im Aquarium und in einer Gärtnerei statt. "Mit so einer Lesung kann ich meine Kinder an Literatur heranführen", sagt der vierfache Vater René Werner, während zwischen seinen Beinen sein Söhnchen Momo hervorblinzelt. "Die Geschichte war spannend, nur drei Sachen habe ich nicht verstanden", so Momo stolz.

Für Eingeweihte endet der lange Lit.Cologne Tag im Restaurant des Schokoladenmuseums. Hier treffen sich die Akteure des Tages bei Kölsch, Pasta und Schoko-Eis, und der Literaturbetrieb ist wieder unter sich: Frank Schätzing verwechselt Gäste mit dem Garderoben-Personal, Sebastian Fitzek unterhält sich mit Matthias Brandt über Kindererziehung, und Kober & Klüpfel scherzen, ihr komödiantisches Talent vor Kühen auf Allgäuer Weiden geübt zu haben.

(RP)
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