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Liebe überwindet Rassenhass

Liebe überwindet Rassenhass

WDR-Moderatorin Randi Crott hat ein Buch über die Geschichte ihrer Eltern geschrieben. Der Vater wurde als Wehrmachtssoldat nach Norwegen geschickt, lernte dort seine spätere Frau kennen. Was beide nie verrieten: Der Vater war Jude, trug die deutsche Uniform nur zum Schutz.

Köln Randi Crott war 18 Jahre alt, als sie die Wahrheit über ihren Vater erfuhr. Bis dahin hatte die WDR-Moderatorin die Version ihrer Familiengeschichte geglaubt, die ihre Eltern stets erzählten: Der Vater, Helmut, war während des Zweiten Weltkriegs als Wehrmachtssoldat in Norwegen stationiert, hatte dort die junge Norwegerin Lillian kennengelernt, und die beiden hatten sich schnell und mit großem Ernst ineinander verliebt.

Und obwohl Lillian den Bruch mit ihrer Familie riskierte, von Freunden geschnitten, von Leuten aus ihrer Stadt beschimpft wurde, bekannte sie sich zu einem Mann der Besatzungsmacht. Sie folgte diesem Deutschen sogar in dessen Heimatland. Lillian wagte sich in den letzten Monaten des Krieges auf ein Schiff, fuhr von Nord-Norwegen durch verminte Gewässer in den Süden, zwei Jahre später weiter bis nach Dänemark, überquerte nach der Kapitulation Deutschlands die Grenze – auf einem Güterzug versteckt unter einem Kohlehaufen. Die Geschichte ihrer Eltern ist eine Geschichte über die Kraft der Liebe. Doch ein wesentliches Detail fehlte.

Wie stark diese Liebe tatsächlich hatte sein müssen, erfuhr Randi Crott erst mit ihrer Volljährigkeit, als die Mutter ihr die ganze Wahrheit erzählte: dass ihr Vater die Wehrmachtsuniform nur getragen hatte, um als Sohn einer Jüdin nicht verfolgt zu werden. In Norwegen gelang es ihm, Auskünfte über seine Herkunft zu umgehen. Seine Mutter daheim in Wuppertal dagegen wurde in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Sein Vater hatte zuvor seine Stelle bei der Reichsbahn verloren, weil er sich nicht von seiner jüdischen Frau hatte scheiden lassen wollen. Nach dem Krieg aber beschloss die Familie, von dieser Vergangenheit nicht mehr zu sprechen. Obwohl sie Opfer waren, obwohl sie Wut hätten empfinden können, war da nur Scham. Scham über das erlittene Unrecht. Eine Scham, die sprachlos macht.

So wuchs Randi Crott in einer deutsch-norwegischen Familie auf – ahnte aber nichts von ihren jüdischen Wurzeln. "Als wir in der Schule die Nazizeit durchnahmen, habe ich meine Mutter sogar gefragt, wie sie sich in einen deutschen Soldaten verlieben konnte. Sie hat mir damals sehr eindringlich gesagt, dass sie sicher war, dass mein Vater kein Nazi war – und mir hat das genügt." Auch als Randi Crott mit 18 Jahren die Wahrheit erfuhr, fragte sie nicht weiter. Ihre Mutter hatte ihr das Familiengeheimnis gegen den erklärten Willen des Vaters offenbart und sie gebeten, mit niemandem darüber zu sprechen – auch nicht mit dem Vater. "Er wollte und konnte nicht darüber reden", sagt Randi Crott, "und obwohl ich Journalistin bin, obwohl das Fragenstellen mein Beruf ist, habe ich mich an dieses Gebot gehalten."

Bis zum Tod ihres Vaters. 2009 flogen Randi Crott und ihre Mutter nach Norwegen. Sie hatten die Asche des Vaters dabei, denn die Eltern hatten sich zu Lebzeiten versprochen, ihre letzte Ruhestätte in Norwegen zu finden, wo sie sich einst gegen alle Widrigkeiten ineinander verliebt hatten. Mit dieser Reise wuchs in Randi Crott der Entschluss, der Geschichte ihrer Eltern nachzugehen – und öffentlich davon zu erzählen. "Ich schirme mein Privatleben sonst ab", sagt sie, "aber mir ist es wichtig, das Schweigen der Generation meiner Eltern zu brechen, weil wir alle uns erinnern sollten, was während der Nazizeit geschehen ist – und zwar möglichst konkret, möglichst anhand persönlicher Geschichten."

Die Arbeit am Buch hat ihr auch geholfen, das Schweigen ihres Vaters zu verstehen. "Natürlich war es zum Teil sehr schmerzhaft, Briefe zu lesen oder Dokumente, aus denen klar wurde, wie man ihm an der Universität Steine in den Weg legte, weil er Jude war. Ich hatte mich ja immer gefragt, warum wir nie darüber gesprochen hatten", sagt Crott. Doch je mehr sie sich in die Geschichte ihres Vaters vertiefte, je mehr historische Details sie zusammentrug und sich in seine Zeit einfühlte, desto mehr verstand sie, dass im Nachkriegsdeutschland eben kein Klima herrschte, in dem die Opfer des Naziterrors offen über ihr Schicksal reden konnten. Trotz aller Gedenkfeiern, trotz öffentlicher Reuebekundungen. "Menschen wie mein Vater mussten mit einer gewissen Selbstverleugnung durch ihr Leben gehen, weil sie sich auch nach dem Krieg als Außenseiter gefühlt haben. Weil sie dachten, sie seien nicht gewollt", sagt Crott. Gegen diese Mechanismen der Ausgrenzung will sie die Geschichte ihrer Eltern stellen, ein anrührendes Buch über zwei Menschen, die der Zeit trotzen konnten, weil sie einander vertrauten. Eine Geschichte, deren Zeit gekommen ist.

(RP)