Lesung in Düsseldorf Joachim Meyerhoffs Mutter ist eine Wucht

Der Schriftsteller und Schauspieler führte durch einen beglückenden Abend. Im Robert-Schumann-Saal reihte er Anekdoten aus unveröffentlichten Werken aneinander. Hoffentlich wird ein Buch draus!

Joachim Meyerhoff.

Joachim Meyerhoff.

Foto: Ingo Pertramer/RSS

Kaum vorstellbar, dass jemals mehr Gelächter durch den ehrwürdigen Robert-Schumann-Saal wogte als bei der Lesung von Joachim Meyerhoff. Auffallend heiter war die Stimmung im Foyer schon zuvor. Der Applaus beim Erscheinen des Schauspielers und Autors unterstrich die freudige Erwartung der knapp 800 Zuhörer im ausverkauften Saal. Und natürlich erfüllte er sie. Fünf Romane in zehn Jahren habe er geschrieben, daraus auch viel gelesen, merkte er an. Nur nicht aus dem Buch über seinen 2018 erlittenen Schlaganfall. Einmal hat er es versucht, aber zu viele Menschen rückten ihm auf die Pelle: „Ich kenne auch einen“, „Mein Opa hatte auch einen“. Da ließ er es lieber sein.

Mit der Lesung „Es geht weiter“ knüpft Joachim Meyerhoff an seine früheren, während seiner Zeit am Wiener Burgtheater begonnenen „Erzählabende“ an. Bisher unveröffentlichte Geschichten teilt er beseelt mit dem Publikum, „um herauszufinden, wie es mit diesem Projekt weitergehen könnte“. Ein Jammer, wenn daraus kein Buch entstehen würde. Was dieser Autor meisterhaft beherrscht, ist das Erzählen von launigen Anekdoten, die ein roter Faden zusammenhält. Den Rahmen bildet diesmal seine Flucht aufs Land. Berlins überdrüssig, jenes Säurebads, das ihn erschöpft, wo nicht einmal mehr die neue Bühne ihn beflügelt, quartiert er sich bei seiner 85-jährigen Mutter ein. Er sei nicht gut beieinander, beim Schreiben stünde ihm Berlin im Weg. Schon möglich, dass er länger bleibe.

Diese Mutter ist eine Wucht. Auf der Stelle möchte man sie kennenlernen, neben ihr im Auto kamikazemäßig durch ihr schleswig-holsteinisches Revier flitzen, Currywurst und fettigen Döner mit ihr futtern. Nimmermüde ist sie, sogar in der Sauna schärft sie eine Sichel, weil ihr das bloße Sitzen zu langweilig ist. Während sich die beherzte Schwimmerin in die Ostsee stürzt, watet der blasshäutige Sohn durch die Feuerquallen am Ufer und macht verschreckt wieder kehrt. Und wie wunderbar, wenn sie ihre Chorschwestern bewirtet und mit ihnen im Garten singt. Da wird man beim Zuhören ganz weich. Welche Mutter würde sich nicht ein derart liebevolles literarisches Denkmal wünschen?

In die heimatlichen Episoden webt Meyerhoff köstliche Anekdoten aus der Theaterwelt. Von den zwei Dalmatinern im absurd gepunkteten Bühnenbild, die nach missverstandenen Befehlen ein Chaos auslösen. Von dem Schauspiel-Kollegen mit dem monströsen Blackout. Ihm sei das auch einmal passiert, gibt Meyerhoff zu. Alle Wörter komplett von der Erdoberfläche verschwunden. Es dauerte, bis sie wieder am rechten Platz waren. Nach anderthalb Stunden brandete nicht enden wollender Beifall auf. Ein neues Buch habe er nicht dabei, sagt er, „aber ich sitze draußen und unterschreibe alles, was man mir hinhält.“ Die lange Schlange im Foyer arbeitet Meyerhoff zugewandt und freundlich ab. Ein beglückender Abend.

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