Leonardo da Vinci Der frühe Daniel Düsentrieb

Leonardo da Vinci gilt bis heute als Universalgenie – der Maler, Bildhauer, Architekt, Anatom, Mechaniker, Ingenieur und Naturphilosoph steht für die Hoffnung, dass eine gute Idee nie sterben kann.

 Das Grab von Leonardo da Vinci in der Schlosskapelle Saint Hubert. Eine einfache Marmorplatte mit der Inschrift «Leonardo da Vinci» erinnert daran, dass vor 500 Jahren hier ein Universalgenie gestorben ist.

Das Grab von Leonardo da Vinci in der Schlosskapelle Saint Hubert. Eine einfache Marmorplatte mit der Inschrift «Leonardo da Vinci» erinnert daran, dass vor 500 Jahren hier ein Universalgenie gestorben ist.

Foto: dpa/Leonard de Serres

Leonardo da Vinci ist ein Superstar. In Deutschland vergeht kein Jahr, in dem nicht in mehreren Städten Ausstellungen mit seinen Erfindungen eröffnet werden. Schulklassen pilgern zu Schaukästen mit kleinen Maschinen aus Holz, die nach historischen Plänen gebaut wurden. Aber auch Erwachsene beugen sich über mehr als 500 Jahre alte Zeichnungen und staunen. Das italienische Universalgenie erfährt Respekt in allen Altersgruppen. Leonardo da Vinci verkörpert die Überlebensfähigkeit der menschlichen Kreativität über Jahrhunderte und Kriege hinweg. Er steht für die Hoffnung, dass eine gute Idee niemals sterben kann. „Leonardo hat gezeigt, wozu der Mensch fähig ist, wenn er sich frei macht von den Zwängen und den scheinbaren Gewissheiten“, schreibt der Physiker und Wissenschaftsautor Stefan Klein.

Der Kult um den Künstler und Erfinder übertrifft oft die Strahlkraft seiner Werke. Superlative begleiten seinen Namen. Leonardo da Vinci sei der „erste moderne Mensch“ gewesen, heißt es beispielsweise. Diese Sätze gehen so leicht von den Lippen, weil sie uns allen schmeicheln. „Modern“ beschreibt in diesem Zusammenhang nämlich etwas Bekanntes. Die nachhaltige Popularität vieler Erfindungen des Meisters rührt davon, dass wir die Geräte teils aus dem Alltag kennen, ihre Funktionsweise begreifen und an dem Gefühl nippen können, die Gedankengänge eines Universalgenies zu verstehen. Deshalb ist Leonardo da Vinci unser aller Freund. Die Erfinder des Computerchips oder der Entdecker der Quantentheorie, die uns die Tür zu neuen Welten aufgestoßen haben, haben es heute unendlich schwerer. Das soll Leonardos Leistungen nicht schmälern, aber kann erklären, warum der uneheliche Sohn eines angesehenen Notars und seiner Magd vor allem in der westlichen Welt auf einer Welle der Sympathie getragen wird.

Der Umgang mit seiner Leistung als Ingenieur nimmt zuweilen seltsame Züge ein. Viele Erfinder müssen damit leben, dass ihre Entwicklung auf da Vinci zurückgeführt wird, als ob nach dem Tod des vermeintlichen Urvaters aller Ingenieure keine neue Idee geboren wurde. Über Igor Sikorski, den Erbauer des ersten Hubschraubers, wird beispielsweise fälschlicherweise erzählt, er habe als Kind eine da-Vinci-Zeichnung von Flugmaschinen gesehen und dadurch sei die Faszination für diese Technologie entstanden. Und selbst wenn diese Anekdote stimmen würde: Leonardo hat den Helikopter nicht erfunden, er hat lediglich ein Flugobjekt angetrieben von Muskelkraft gezeichnet. Diese Konstruktion funktioniert aber nur mit einem zusätzlichen Motor.

Auch die Erfindung des Autos geht nicht auf da Vinci zurück. Das dreirädrige Fahrzeug, das Leonardo 1478 entwarf, hat kaum etwas mit unserem Auto zu tun. Es lässt sich nicht frei lenken und muss ähnlich wie ein Spielzeug aufgezogen werden, bevor es losfährt. In der Version, wie er es gezeichnet hat, bewegt es sich gar nicht. Viele Skizzen aus Leonardos Feder eignen sich nicht als Konstruktionszeichnung, einige enthalten fundamentale Fehler. Wie manche Betrachter mit diesem Makel umgehen, sagt viel aus über den Umgang mit dem Werk des Universalgenies. Selbst das Fehlerbehaftete lässt sich noch als Bestandteil des Heldenepos verwenden. Seine Zeichnungen hätten einen flüchtigen Charakter, getrieben vom Strom seiner Gedanken, als hätte die Zeit gefehlt, sie zu einem bestimmten Realisierungsgrad zu bringen, heißt es dann gern als Erklärung – wie menschlich. Beliebt sind auch Verschwörungstheorien: Leonardo habe die Fehler bewusst eingebaut, um den Zugang zu seinem Wissen auf technisch versierte Menschen zu beschränken.

Dabei behält das Werk des Universalgenies auch ohne übertriebene Bewertungen seinen außergewöhnlichen Rang. „Leonardo muss ein Mensch gewesen sein, der fast ununterbrochen gezeichnet hat“, urteilt Frank Fehrenbach. „Er ist der erste Künstler, der Zeichnungen angefertigt hat, die nicht im Kontext von irgendeinem bestimmten Auftrag entstanden sind, sondern die fortwährend experimentelles Material für ihn selbst waren“, ergänzt der Kunsthistoriker an der Uni Hamburg. Schon die bloße Menge der erhaltenen technischen Zeichnungen (und damit nur ein Bruchteil des ursprünglichen Bestandes) sei furchterregend.

Leonardo war fasziniert von den „mechanischen Künsten“, die damals im heutigen Sinne von Handwerk und Technik praktisch orientiert waren, aber zu seiner Zeit ein geringeres Ansehen hatten als die klassische Kunst. Doch vieles von dem, was Leonardo gezeichnet hat, hat er nicht erfunden. Wissenschaftler vermuten, dass etliche seiner Skizzenblätter Beobachtungen aus dem Alltag sind. Leonardo hat viele Maschinen kennengelernt und als Grundlage für eigene Erfindungen verwendet. Vermutlich wollte er ein „Musterbuch der Mechanik“ erstellen, das seine Kenntnisse über Mechanik erweitert und verfeinert darstellen sollte.

Deshalb hat er sich beispielsweise intensiv mit dem Nockenantrieb beschäftigt. Bei dieser Form der Kraft­übertragung wird eine Drehbewegung in einen Schlag umgewandelt und umgekehrt. Sie ist heute noch das Herzstück vieler Maschinen. Da Vinci hat Antriebe mit maximaler Schlagkraft beschrieben, aber auch solche, die im zeitlichen Rhythmus besonders präzise arbeiten. Er wollte Muskelkraft, Wind und Wasser als Energiequelle effektiver nutzen und Menschen neue Möglichkeiten eröffnen. So entwarf er einen Säulenheber, der tonnenschwere Säulen aufrichten sollte. „Leonardo überliefert den technologischen Stand seiner Zeit. Es lässt sich daraus ableiten, was allgemein bekannt und möglich war“, erläutert Dietrich Lohrmann. Der Historiker der RWTH Aachen hat zehn Jahre lang 1700 Zeichnungen und die dazugehörigen Handschriften aus da Vincis Hauptwerk zur Technik, dem „Codex Madrid I“, studiert. Der praktische Teil des Werks beeindrucke durch die Sorgfalt und Plastizität der meisten Zeichnungen, berichtet Lohrmann. Im theoretischen Teil finden sich Versuchspläne, Studien zur Zahnradtechnik, Verminderung der Reibung und zu Schäden an Wellen und Lagern. Für Lohrmann ist klar, dass Leonardos Erfindungen keineswegs als Visionen aus dem Nichts erstanden, sondern dass er sie aus Beobachtungen weiterentwickelte.

Teils arbeitete da Vinci als Dokumentator, andererseits schreckte er dennoch nicht vor Aufgaben zurück, die weit über ihn hinauswuchsen. Leonardo hatte kein Problem mit dem Scheitern, er missachtete Konventionen und Verträge. Viele seiner Maschinen wurden nie gebaut, andere hatte keinen Erfolg: Seine Flugmaschinen flogen nicht. Der Versuch, den Lauf des Arno zu verändern oder den Fluss von Florenz bis zum Meer schiffbar zu machen, musste abgebrochen werden. Das Kanonenexperiment, mit dem er die Erde aus dem Mittelpunkt des Weltalls schießen wollte, fand keine Anwendung.

Solche Experimente befeuern den Leonardo-Kult. Viele seiner Fans werten seine Ideen als Beweis, dass der Mensch alles erreichen kann, wenn Wille, Mut und Klugheit zusammentreffen. Aus der Sicht des Meisters eine Fehleinschätzung: Da Vinci war technikbegeistert, aber Pessimist. Leonardo hat sich mit dem Untergang der Welt beschäftigt, doch die Bilder aus der fast schon obsessiven Beschäftigung mit Katastrophen sind weniger populär. Sie zeigen oft Formen und Folgen der Sintflut. Aber nicht immer sind es die Naturgewalten, die die Zivilisation zerstören. Auch Errungenschaften und Symbole der Technik prasseln mit tödlichen Folgen auf Menschheit und Natur nieder. Als Welt-Beobachter hat der Visionär der Weiterentwicklung von Technik Platz eingeräumt, aber den Untergang nicht ausgespart. Es wäre spannend zu wissen, was er heute zeichnen und erfinden würde.

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