Leaving Neverland: Doku über Michael Jackson am Samstag bei ProSieben

Brisanter Michael-Jackson-Film : „Leaving Neverland“ ist vier Stunden blanker Horror

Die HBO-Dokumentation „Leaving Neverland“ wird am Samstag erstmals in Deutschland ausgestrahlt. Sie rückt den „King of Pop“ in ein Zwielicht.

Dieser Film ist eine Zumutung – für die Psyche, das Wohlbefinden und die eigene Beziehung zu Musik und zur Persönlichkeit eines Stars, der einst übermenschlich erschien. „Leaving Neverland” heißt der bereits viel diskutierte Film, der am Samstag auch in Deutschland ausgestrahlt wird. Es geht um Michael Jackson. Dem vor zehn Jahren gestorbenen Künstler wird in der vierstündigen Dokumentation Schreckliches vorgeworfen. In erster Linie ist das aber die Geschichte zweier anderer Männer. Wade Robson heißt der eine, seine Geschichte beginnt, als er sieben Jahre alt ist. James Safechuck ist der andere, er ist am Anfang der Erzählung fünf. Beide sagen, dass sie von Jackson sexuell missbraucht wurden, jahrelang. Die inzwischen erwachsenen Männer beschreiben das mit grausamen Details. Als Zuschauer hält man das kaum aus.

In den USA lief der zweiteilige Film von Regisseur Dan Reed schon am 3. und 4. März. ProSieben zeigt nun beide Teile an einem Abend, eingeordnet durch ein „Spezial“ ab 19.05 Uhr, die Dokumentation selbst beginnt um 20.15 Uhr. Vier Stunden geballter Horror, man sollte gut überlegen, ob man sich darauf einlässt.

Fans protestieren mit einem Banner mit der Aufschrift "Facts don't lie" (Fakten lügen nicht) und Plakaten gegen die Austrahlung der Dokumentation "Leaving Neverland". Foto: dpa/Henning Kaiser

Der Film beginnt harmlos, Safechuck und Robson erzählen von ihrer Kindheit vor dem Treffen mit dem größten Solo-Performer des 20. Jahrhunderts. Beide Jungs sind damals ambitioniert und drängen auf die Bühne – Robson spielt bei Werbespots mit, Safechuck ist ein riesiger Jackson-Fan, imitiert sehr gut Tänze, Kleidung und die Frisur des Vorbilds. Es könnte der Anfang einer glücklichen Geschichte sein. Aber wer diese Dokumentation schaut, weiß natürlich, dass es nicht so ist. So einen Film guckt man nicht zufällig.

„Er war einer der nettesten, zärtlichsten, fürsorglichsten Menschen, den ich kenne“, sagt James Safechuck. Die nächsten zwei Sätze, gesprochen in einem ruhigen Ton, treffen wie ein Hammerschlag: „Und er missbrauchte mich sexuell. Sieben Jahre lang.“

Dieser Missbrauch wird glaubhaft beschrieben. Vieles passierte auf der „Neverland Ranch“, Jacksons privatem Anwesen. Elf Quadratkilometer war das Gelände groß, darin gab es einen Zoo mit Tigern und Schimpansen, einen Bahnhof, ein eigenes Kino und einen Freizeitpark. Sowohl Safechuck als auch Robson waren dort häufige Gäste. Für deren Angehörige gab es separate Häuser, die Kinder schliefen im „großen Haus“ mit Jackson. Dort, so beschreiben es die Opfer, soll der Weg zum Schlafzimmer mit einem Glockensystem verkabelt gewesen sein – so konnte man hören, wenn sich jemand dem Zimmer näherte. Für den Fall der Fälle habe man geübt, wie man sich möglichst schnell und geräuschlos anzieht, sagt Safechuck. Eines Tages wollte seine Mutter Joy zu ihrem Sohn Wade in einen der privaten Räume im Kinosalon. Die Tür war abgeschlossen. Aus Versehen, habe Jackson nachher gesagt. „Da konnte man erwischt werden, das war aufregend“, sagt Robson.

Durch den gesamten Film zieht sich die Frage, wie es denn sein konnte, dass die Eltern es zuließen, den kleinen Sohn mit einem erwachsenen Mann in seinem Schlafzimmer die Nacht verbringen zu lassen, teilweise bereits Stunden oder wenige Tage nach dem ersten Kennenlernen.

Die ehrgeizigen Mütter spielen in der Dokumentation eine unrühmliche Rolle. Joy Robson bringt ihren Sohn Wade zu einem Tanzwettbewerb in seiner Heimat Brisbane, Australien. Am Tag darauf steht Robson auf der Bühne, in dem gleichen Outfit wie Jackson, tanzt mit ihm. Im Hintergrund singt Stevie Wonder. „Er war mein Idol, mein Mentor, mein Gott“, sagt Robson über Jackson. Die Mutter ist ebenfalls begeistert. Sie verlässt ihren Mann, um in die USA zu ziehen – wegen Jackson. Wades Vater gerät in eine psychische Krise, Jahre später begeht er Selbstmord. James Safechuck trifft „Michael“, so nennen ihn beide Männer immer – niemals mit Nachnamen – beim Dreh für eine Pepsi-Werbung. Die Safechucks werden schnell so etwas wie Michaels beste Freunde. Er besucht sie zum Abendessen, telefoniert stundenlang mit Mutter und Sohn. Die Eltern fliegen erste Klasse, treffen Harrison Ford, Tina Turner, Sean Connery. Die Safechucks bekommen von Michael sogar ein Haus.

Geschenke gibt es auch für die Jungs. Die vielleicht emotionalste Szene zeigt James mit den Ringen, die er von Jackson bekam. Er hält einen diamantbesetzten Ring in seiner Hand. Er ist viel zu klein und bleibt am Fingernagel stecken. „Wir kauften die Ringe beim Juwelier und taten so, als wären sie für eine Frau“, sagt Wade. „Wir hatten eine Zeremonie in seinem Schlafzimmer.“ Seine Hände zittern, als er die Schatulle hält. „Ich mag es nicht, den Schmuck zu sehen“, sagt er und schließt schnell die Box.

Im Laufe von Jacksons Leben gab es mehrere Missbrauchsvorwürfe gegen ihn. Im Gericht wurde er freigesprochen. Vielleicht, weil ihn die Öffentlichkeit so sehr liebte. Aber auch, weil er überzeugende Fürsprecher hatte. Auch Safechuck und Robson sagten als Kinder für ihn aus. Warum? Michael habe ihnen schon nach den ersten sexuellen Handlungen eingetrichtert, wie wichtig das Schweigen sei. Und sie wollten ihn schützen, „retten“, das war für sie wichtig.

Viele werden sich nach diesem Film fragen, warum denn die Vorwürfe erst jetzt öffentlich werden, nach all den Jahren. Es ist bestimmt nicht einfach, als erwachsener Mann zuzugeben, dass man als Kind missbraucht wurde – noch dazu von jemandem, den die ganze Welt liebt. Auch ihren Familien offenbarten erst als Erwachsene, was hinter verschlossener Tür passierte. „Geheimnisse fressen dich auf“, sagt Safechuck. Als Michael Jackson 2009 stirbt, weinen Menschen auf der Straße. Stephanie Safechuck tanzt vor Freude, weil er keine Kinder mehr missbrauchen kann.

Jackson ist tot, er kann sich gegen die Vorwürfe im Film nicht wehren. Aber es geht gar nicht um ihn. Es geht darum, dass die Opfer das Geschehene verarbeiten und ihren Nächsten offenbaren können. Weil Geheimnisse einen sonst auffressen.

Mehr von RP ONLINE