Düsseldorfer Kunstakademie Die Klasse Immendorff lebt weiter

Düsseldorf · 15 Jahre nach seinem Tod danken die ehemaligen Studierenden der Düsseldorfer Kunstakademie dem Maler und Kunstprofessor Jörg Immendorff mit einer Ausstellung.

Die früheren Studierenden von Jörg Immendorff im ehemaligen China-Center an der Düsseldorfer Kö.

Die früheren Studierenden von Jörg Immendorff im ehemaligen China-Center an der Düsseldorfer Kö.

Foto: Georg Salzburg (salz)

„Wo stehst du mit deiner Kunst, Kollege?“ So fragte Jörg Immendorff 1973 auf einem Gemälde und zeigte sich selbst, wie er einen Malerfreund „zu den Waffen“ ruft. Er solle sich dem Kampf der Arbeiter auf der Straße anschließen. Nun ist Immendorff 15 Jahre tot, und seine früheren Studenten danken dem Lehrer mit einer Ausstellung, in der sie zeigen, was aus ihnen geworden ist.

Alle 21 Mitstreiter haben zwischen 2000 und 2007 bei ihm studiert, bilden also die letzte Generation seiner Schüler. Sie nennen die Schau „High Noon, Kollegen, zu Pferd“. Gesine Kikol und Joseph Sracic, die Organisatoren der Schau, erklären: „High Noon ist der Höhepunkt des Tages. Und ,Pferd‘ hieß unsere Klassenzeitung. Immendorff wollte, dass wir Stellung beziehen. Das ist angesichts der vielen Krisen in der Welt heute wichtiger denn je. Wir nehmen Stellung, auch wenn nicht alle Bilder im engen Sinne politisch sind.“ Gesine Kikol malt Atelierszenen bei Tag und bei Nacht, denn Künstler arbeiten nicht nach der Stechuhr.

Das Gemälde, das die gegenwärtige Situation am besten fixiert, stammt von Joseph Sracic. Es zeigt keinen heldischen Herkules auf dem Stier, sondern einen abgemagerten Jockey, der seine Unterhaltskosten längst verfuttert hat. Er trägt eine Clownsmaske und befindet sich in einer brenzligen Schieflage, weil das Rindvieh mit der Schnauze fast auf den Boden stößt, während das Hinterteil so sehr auskeilt, dass der arme Teufel gleich abgeworfen wird.

Trauerfeier für Immendorff
10 Bilder

Trauerfeier für Immendorff

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Foto: ddp

Aber der Reiter hält zur Balance den rechten Arm empor, und Sracic erklärt: „Wir können nur noch als Clowns existieren, um zu zeigen, was in der Welt passiert. Die Wirtschaftskrisen müssen wir, wenn das überhaupt geht, auf dem Stier ausreiten. Ich habe lange Recherchen über einen Stierreiter gemacht, der Jockey betreibt eine Sportart des Willens.“

In einem weiteren Bild sendet dieser herausragende Maler einen letzten Gruß an seinen Lehrer und zeigt ein Alter Ego im Vierspänner, mit dem allsehenden Auge, ist doch für einen guten Künstler noch immer die Sehkraft die Quelle der Kunst. Die Pferde ziehen ihn durch die Dunkelheit, und der Künstler misst während der Fahrt die Welt. „Mit voller Kraft voraus“ lautet seine Devise.

Von 1996 bis 2007 war Immendorff Professor in Düsseldorf. Bis zum letzten Atemzug hat er die Klasse geleitet, zuletzt schwer gezeichnet von der Krankheit ALS. David Lieske kam als Letzter in die Klasse und erzählt: „Er war jede Woche da, im Rollstuhl und mit Atemmaske, und hat Kolloquien abgehalten. Ich erlebte ihn nur anderthalb Jahre. Als ich wieder beim Kolloquium an der Reihe sein sollte, ist er gestorben.“ Nun wächst auf seinem Bild ein großer, stämmiger Baum gen Himmel.

Der Italiener Salvatore Masciullo war 39 Jahre alt, als er nach Deutschland kam. Niemand wollte ihn in der Akademie haben, doch Immendorff nahm ihn auf, zunächst als Gasthörer, dann als Student und als seine „rechte Hand“ im Atelier. Nun schickt Salvatore, der mit seiner fünfköpfigen Familie in Sizilien lebt, einen Karton mit 30 kleinformatigen Gemälden als Dankesgruß nach Düsseldorf. Die Porträts ergeben ein Who is Who der Akademie in ihren besten Jahren, mit Kounellis, Doig, Penck, Richter und anderen.

Sebastian Weggler präsentiert kunstvoll geschnitzte und bemalte Masken, die an die Grotesken der italienischen Renaissance erinnern, und fügt ein kleines gemaltes Memorial hinzu. Es zeigt einen geöffneten Koffer mit einem „sehenden Auge“ auf der Klappe und einem armen Teufel im Wickelpaket im Kofferraum, neben sich die Klampfe und über sich die Totenmaske neben der Palette. Manuela Wossowski ist mit Linolschnitten und Malerei aus der Idylle am Landwehrkanal in Berlin dabei. Paul Maciejowski bleibt bei seinen grandiosen Radierungen, auch wenn es kaum einen Markt dafür gibt.

Und Niels Sievers hielt in einer Rede den Geist dieser Klasse fest, die nach dem Tod ihres Professors eben nicht auseinanderbrach, sondern der Devise des Lehrers folgte. Sievers erklärte: „Immendorff wurde nie müde, uns einzutrichtern, dass man weiter machen muss, keinem Trend folgt, selbst etwas erkennt und eigene Wege geht. Nicht den Weg des Feindes einschlagen, sondern in die andere Richtung gehen, auch wenn dieser Weg unsicher und wackelig ist. Unsicherheit und Schwäche sind sehr verpönte Begriffe auf dem Kunstmarkt, aber im Zugeben der eigenen Schwäche liegt die Größe.“

Die Ausstellung findet an der Königsallee 106 statt, in einem Gebäude, das bald abgerissen werden soll. Es ist kein Museum, noch nicht einmal eine Kunstgalerie. Es gibt keine Kuratoren, die diese Ausstellung organisiert haben. Stattdessen erklärt Gesine Kikol: „Eigeninitiative ist die Keimzelle jeder Kunst.“

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