Vergängliche Kunst: Wie Straßenmaler unsere Sinne täuschen

Vergängliche Kunst: Wie Straßenmaler unsere Sinne täuschen

Düsseldorf (RPO). Stellen Sie sich vor, sie laufen durch die Stadt und auf einmal baut sich ein Wasserfall vor Ihnen auf der Straße auf. In schäumenden Wellen stürzt er täuschend echt in die Tiefe, gleich wird er ein Floß mitreißen. Manfred Stader und Edgar Müller haben ihn zusammen mit kanadischen Künstlern gemalt. Die beiden Deutschen sind Straßenkünstler und Meister in dreidimensionaler Malerei.

Der Wasserfall fließt im kanadischen Saskatchewan. Das Gemälde ist 280 Quadratmeter groß und seine dreidimensionale Optik ist nur von einem Blickpunkt aus erkennbar. Edgar Müller und Manfred Stader malten zusammen mit ihren acht kanadischen Kollegen drei Tage an dem Bild. Der Wasserfall ist mit gewöhnlicher Kreide auf die Straße gemalt und soll bis zu drei Monate halten.

Bereits seit dem 16. Jahrhundert ist Straßenmalerei in Europa bekannt. Besonders in Italien war diese Kunstform mit der Religion fest verbunden. Die Künstler malten Wunder, kleine Ikonen und Madonna-Figuren. Kunststudenten, hauptsächlich aus Amerika und Italien, entwickelten in den 1970er Jahren die Straßenmalerei weiter.

Sie verwenden selbst hergestellte Malkreide und kopieren die Bilder alter Meister. Für diese komplizierten Motive benötigen die Künstler deutlich mehr Zeit. Damit ihnen das Wetter keinen Strich durch die Rechnung machen kann, wird Papier oder eine Leinwand auf den Boden gelegt. Wenn dann die ersten Tropfen fallen, packen sie ihr Kunstwerk ein und malen bei Sonnenschein weiter. 1972 fand in der italienischen Gemeinde Grazie di Curtatone der erste Straßenmalereiwettbewerb statt. In dieser Zeit entstanden auch die ersten dreidimensionalen Straßenbilder. Die Technik dazu ist jedoch deutlich älter, schon Michelangelo verwendete sie in seinen Bildern.

  • Fotos : Ein Wasserfall kommt aus dem "Nichts"

Das Rezept für die Kreideherstellung klingt denkbar einfach. Die Künstler mischen Farbpigmente mit Tapetenkleister bis eine knetbare Masse entsteht und formen daraus Kreidestücke. Diese werden dann getrocknet, sie dürfen dabei aber nicht zu hart und nicht zu weich werden Diese Technik funktioniert jedoch nicht mit allen Pigmenten. Es gibt es noch kein erfolgversprechendes Rezept, um schwarze Kreide selbst herzustellen und auch "Pariserblau" und knallige Rottöne machen manchmal Probleme. Öl darf nicht unter die Farbe gemischt werden, weil diese die Straßenkunst haltbar macht. Das Bild verschwindet nicht mit dem nächsten Regen und das gibt Ärger mit dem Ordnungsamt.

Edgar Müller schätzt die Zahl der deutschen Straßenkünstler auf zehn. Er vermutet den schlechten Ruf und die harte körperliche Arbeit als Ursachen. Viele Passanten hielten die Maler für obdachlose Spinner, die sich ein paar Euro dazu verdienen wollen. Straßenmaler verbringen die meiste Zeit ihrer Arbeit in der Hocke und werden dabei von den Passanten und manchmal auch vom Ordnungsamt kritisch beäugt. In Deutschland regelt das Kommunalrecht, wo die Künstler ihre vergänglichen Bilder malen dürfen. In München muss unbedingt eine Unterlage verwendet werden, in Köln ist das streng verboten.

Edgar Müller nimmt bereits als 16-jähriger am Straßenmalerei-Wettbewerb in Geldern statt, wo er das Gymnasium besucht. Drei Jahre später gewinnt er den Wettbewerb. Er studiert Kommunikationsdesign und arbeitet in verschiedenen Werbeagenturen. Aber 1998 merkt er, dass seine Welt die Straße ist und er widmet sich nur noch der Straßenmalerei. Zusammen mit Manfred Stader kreiert er die vergängliche Kunst für Produktwerbung, Feste und Wettbewerbe. Wir zeigen einige ihrer Werke, einen größeren Einblick bietet die Internetseite der beiden: www.straßenmalerei.com.