Tim Renner wird Staatssekretär

Barenboim und Berghain : Popmanager Tim Renner wird Staatssekretär

Berlins Kulturpolitik bekommt Hilfe aus der Popbranche: Der Pop-Musikmanager Tim Renner tritt als neuer Kulturstaatssekretär an. Er soll eine Brücke zu jungen Künstlern bauen.

Schon Wochen vor seinem Antritt hatte sich Tim Renner mit den Besonderheiten seines neuen Jobs vertraut gemacht. Auf Facebook postete der neue Berliner Kulturstaatssekretär, was ihm an der Beamtenbürokratie so auffällt: seltsame Abkürzungen, ein Personalfragebogen.

"Wat soll'n se werden? Staatssekretär? So schau'n se gar nicht aus...", zitierte Renner eine Berliner Ärztin nach seiner amtlichen Voruntersuchung. Tatsächlich passt Renner nicht so recht in das Bild eines gängigen Politikers.

Vom Popgeschäft auf die Klippen der Kulturpolitik: Der einstige Deutschland-Chef des Musikkonzerns Universal muss sich in Zukunft Theatern, Opern und Museen widmen, mit heiklen Personalien befassen, mit Geldansprüchen - und den Abgeordneten.

Mit der Ernennung eines Mannes aus der Kreativindustrie war dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) ein Coup gelungen. Der Staatssekretär wird Wowereit in dessen Rolle als Kultursenator vertreten und für ihn auch manches heiße Eisen anpacken müssen.

Nach dem Verwaltungsfachmann André Schmitz, der einst als Geschäftsführer der Deutschen Oper Berlin in die Politik wechselte und wegen einer Steueraffäre zurücktreten musste, übernimmt nun ein Manager aus der Privatwirtschaft den hoch subventionierten Berliner Kulturbetrieb.

Renner, ehemaliger Deutschland-Chef des Musikkonzerns Universal und Manager beim Label Polydor, steht für jene Eigenschaften, die Wowereit immer wieder gern für das kreative Berlin anführt. Von einer Trennung zwischen E(rnst) und U(nterhaltung) halte er nicht viel, hatte Renner bei seiner Vorstellung gesagt. "Das ist eine Diskriminierung für beide Seiten." Ihm sei Daniel Barenboim genauso wichtig wie der Szeneclub Berghain.

Tatsächlich jonglierte Renner immer wieder zwischen Rock, Klassik und Schlager. Ob Sting, Pavarotti oder Rosenstolz - als Plattenboss arbeitete er mit vielen Stars zusammen. Schon als Teenager spielte er in einer Punkband, die sich Quälende Geräusche nannte. Mit seinem Kassettenrekorder nahm er Bands aus dem Hamburger Untergrund auf und schnitt aus den Bändern Radioreportagen.

Später arbeitete Renner als Journalist, wechselte aber bald in die Musikindustrie. Er nahm Bands wie Element of Crime und den Pop-Avantgardisten Philip Boa unter Vertrag. 1994 gründete er seine eigene Plattenfirma Motor Music und baute Bands wie Rammstein, Sportfreunde Stiller, Tocotronic, Muse und die Absoluten Beginner auf.

2004 rief er in Berlin den Radiosender Motor FM ins Leben, der heute - ohne Renner - unter dem Namen Flux FM firmiert. Mit motor.tv leistete Renner Pionierarbeit für die Verbreitung von Musik im Internet.

Diese Berufsbiografie dürfte nach dem Geschmack vieler Kreativer sein. Die Kulturszene, die sich abseits der Theater und Opernhäuser in Berlin etabliert hat, fühlte sich lange vernachlässigt. Die Politik habe kein Interesse an den unabhängigen Künstlern wie etwa der Tanzkompagnie Sasha Waltz & Friends, lautet ein Vorwurf. Sie seien aber ein wichtiges Aushängeschild für die Stadt als pulsierende Kulturmetropole.

Renner wisse, wie man eine Band zusammenstellt oder ein Tanzprojekt startet, sagte Christophe Knoch, Sprecher der Koalition der freien Szene. Als SPD-Mitglied hat er außerdem gute Kontakte in die Berliner Regierungspartei. Allerdings stehe Renner wie sein Vorgänger Schmitz vor den gleichen Zwängen - dass nämlich der Löwenanteil des Berliner Kulturhaushalts von 370 Millionen in Gehälter und Tarifsteigerungen fließt.

(dpa)
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