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Streitgespräch mit sechs Intendanten: "Theater sollte für Schüler Pflicht werden"

Streitgespräch mit sechs Intendanten : "Theater sollte für Schüler Pflicht werden"

Sechs Intendanten aus der Region haben sich kurz vor Beginn der neuen Spielzeit in unserer Redaktion getroffen. Für ihre Bildungsarbeit mit Schulen fordern sie finanzielle Unterstützung, über Einsparungen wollen sie ergebnisoffen diskutieren. Das Regietheater ist vorbei.

Sie kommen aus der heißen Phase der Spielzeitvorbereitung: Bettina Jahnke probt in ihrem Landestheater Neuss "Hiob", Peter Carp in Oberhausen "Der Sparkommissar", und auch die anderen Intendanten der Region sind so kurz vor dem Auftakt der Saison kaum aus ihren Theatern zu locken.

Für den Austausch mit Kollegen haben sie sich trotzdem Zeit genommen und sich in der Zentralredaktion der Rheinischen Post den Fragen der Kulturredaktion gestellt.

Wieso sprechen Sie sich in Runden wie dieser nicht besser ab, um Doppelungen in den Programmen in NRW zu vermeiden?

Tombeil Wir sprechen uns durchaus ab. Bochum wollte zum Beispiel im vergangenen Jahr denselben Schiller machen wie wir in Essen, da haben wir umgeplant. Aber Doppelungen sind gar nicht so dramatisch — nur sehr wenige Zuschauer fahren überhaupt in andere Städte.

Schmitz-Aufterbeck Dass es Doppelungen gibt, hängt auch damit zusammen, dass wir Abiturstoffe auf die Bühne bringen müssen, um Schulen ins Theater zu locken. Leider sind die Lehrpläne wenig abwechslungsreich. Das ist eine unglaubliche Fantasielosigkeit der Bildungspolitik, die für die Theater sehr schade ist.

Sprechen Sie denn mit NRW-Bildungspolitikern?

Schmitz-Aufterbeck Wir haben bei der Landesregierung um ein solches Gespräch gebeten. Es muss dann auch um Finanzierungsfragen gehen. Von uns Theaterleuten wird sehr viel Beteiligung an Bildungsmaßnahmen verlangt, dafür muss es auch finanzielle Unterstützung des Bildungsministeriums geben.

Tombeil Wir müssen der Politik klarmachen, dass wir im Theater kulturelle Grundversorgung leisten. Man kann nicht über kulturelle Bildung reden, über Fachkräftemangel und auf der anderen Seite immer weiter an Bibliotheken, Museen, Theatern sparen. Es gibt Schulen, da gibt es kein kulturaffines Rektorat, keinen theaterinteressierten Lehrer, dann ist diese Schule für das Theater verloren. Uns wäre also geholfen, wenn ein Theaterbesuch für Schulen verpflichtend wäre.

Jahnke Dann wären wir nicht mehr auf den guten Willen der Schulen angewiesen und könnten mit ihnen zusammen ein Programm erarbeiten. Dann würde auch nicht mehr so oft "Kabale und Liebe" schulgerecht — also ähnlich — inszeniert.

Gerade hat der neue Intendant in Münster aus der Zeitung erfahren, dass die Stadt zwei Sparten seines Hauses einsparen will. Was muss sich ändern im Verhältnis von Kommunen und Theatern?

Tombeil Ich kann da gar nicht klagen. Wir haben in Essen das Glück, dass die Politik nicht öffentlich über uns redet, sondern direkt mit uns, in der Kneipe, im Garten, da, wo in Essen geredet wird.

Wie ist das in Düsseldorf, Herr Holm?

Holm Dazu habe ich keinen Kommentar. Die Voraussetzung für Kommunikation ist aber, dass das Ergebnis noch nicht feststeht. Ich will nicht über Geld reden. Ich finde das auch langweilig und unsexy. Aber manchmal muss man es tun, denn Geld ist ein Instrument, um Kunst zu machen. Worte können dieses Instrument nicht ersetzen.

Schmitz-Aufterbeck Das Problem sind nicht die Kommunen, sondern die Strukturen, die Mittelverteilung — darum wird es in Zukunft gehen. Am schlimmsten ist, wenn Sparideen die Intendanten überfallen wie in Münster. Solange man miteinander reden kann und Fakten noch Gehör finden, gehen die Gespräche meist gut aus. Gerade bei Theatern wird doch oft gespart, weil man glaubt, den Posten einfach streichen zu können.

Ist mit Kultur kein Staat mehr zu machen?

Carp Ich glaube, es gibt bei vielen Menschen, auch Politikern, ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Kultur, weil sie tendenziell kompliziert ist. Kultur handelt ja von der Kompliziertheit des Lebens. Sich damit auseinanderzusetzen, ist unbequem. In jeder zweiten Rede wird aber gesagt, die beste Zukunftsinvestition sei die in Bildung. Und Kultur ist ein Teil von Bildung. Da ist man doch erstaunt, warum in diesem Land so zögerlich in Kultur investiert wird. Vielleicht liegt es daran, dass die Verantwortlichen finden, es gebe hier gar keine Zukunft mehr. Die liege in Asien oder sonstwo. Das alte Europa hat seine Rolle gespielt, da müssen wir nicht mehr investieren.

In diesem Europa war Deutschland lange das Land des Regietheaters. Diese Ästhetik scheint sich aber verbraucht zu haben. Was folgt?

Holm Erst müssen wir klären, was Regietheater ist: Peter Stein oder Zadek oder Dekonstruktivismus, postdramatisches Theater?

Blicken wir lieber in die Zukunft.

Holm Was sicher stirbt, ist das Konzept des männlichen Genie-Regisseurs. Denn die Strukturen, die dadurch produziert werden, die passen nicht mehr.

Carp Es gibt eine unglaubliche Erweiterung des Theaterbegriffs. Wir haben in Oberhausen mit der Gruppe Geheimagentur eine Parallelwährung ausgegeben, das Schwarzgeld. Dazu haben wir die Gewerbetreibenden der Stadt eingebunden, die bis heute einen Stammtisch haben und die Währung weiterführen wollen — das ist auch Theater.

Tombeil Wir alle sind aus unserem Elfenbeinturm herausgetreten. Man muss aber eine gute Mischung treffen zwischen Projekten in der Stadt, an denen sich Bürger beteiligen können, und Stücken, die Geschichten erzählen. Bei uns war auch eine "Buddenbrooks"-Inszenierung sehr erfolgreich. Da spielte es auch keine Rolle, dass die drei Stunden dauert. Der Wunsch nach Geschichten ist wieder wach.

Oder ist es der Wunsch nach klassischer Bildung wie Thomas Mann?

Jahnke Ich glaube, es gibt eine Sehnsucht nach Ernsthaftigkeit, nach Auseinandersetzung. Mir haben schon öfter Zuschauer gesagt: Komödien sind zwar ganz lustig, aber machen Sie doch mal wieder die "Orestie". Die Leute suchen nach einem Ort, an dem sie mit anderen diskutieren und über relevante Fragen reden können. Zu unseren Zuschauergesprächen kommen manchmal 120 Besucher.

Grosse Es gibt eine Sehnsucht nach Entschleunigung, nach einem gewissen kontemplativen Moment im Theater. Wichtig ist aber, dass die Leute irgendetwas im Stück wiedererkennen, an das sie anschließen können. Die Ästhetik darf ruhig schräg sein, aber die Zuschauer müssen wissen, warum. Darum müssen wir auch Einführungen machen, Chiffren erklären. Dann sind die Leute durchaus bereit, Experimente mitzumachen.

Gibt das Theater nicht Deutungshoheit ab, wenn es zunehmend auf dokumentarische Formen setzt und die Bürger selbst auf die Bühne bittet?

Carp Nein, denn wir zeigen ja auch Schiller, Shakespeare, Dennis Kelly.

Jahnke Dokumentarische Formen öffnen auch den Blick darauf, wie Theater hinter den Kulissen funktioniert. So verstehen die Leute besser, warum Theater so teuer ist. Unsere Arbeit wird transparenter.

Tombeil Das Theater ist doch auch da, Fragen aufzuwerfen und die Menschen überhaupt in einen Dialog zu bringen. So wie mit der Schwarzgeld-Aktion in Oberhausen. Das Theater traut sich das wenigstens. So eine Aktion könnte ja auch mal ein Kämmerer erfinden. Bei uns war übrigens Jelinek das bestausgelastete Stück — eine Inszenierung, in der die Zuschauer aufgefordert wurden, in einen reichen Stadtteil zu fahren und die Autos anzuzünden. Das schauen sich die Bürger trotzdem an.

Weil das Theater doch ein zahnloser Tiger ist, vor dem man keine Angst haben muss?

Tombeil Wir wollen ja auch nicht, dass man vor uns Angst hat.

Holm Ein zahnloser Tiger ist das Theater immer schon gewesen. Wir heiraten auch nicht unsere Mütter oder töten unsere Väter — Theater ist nicht real.

Carp Darum sind wir Theaterleute auch Experten der Krise — unsere Stücke handeln von Krisen. Doch sie können auch Kraft geben, den Mut, Neues zu probieren.

Nach dem Regietheater kommt also Vielfalt — ist das als Positionsbestimmung nicht ein wenig dünn?

Jahnke Ich denke, wir erleben jetzt ein mehr dialogisches Theater. Regisseure, Schauspieler und Publikum begegnen sich auf Augenhöhe. Theater ist nicht mehr die Pyramide mit dem Patriarchen an der Spitze, sondern zielt auf ein transparentes Miteinander. Das Denken aus der Wirtschaft hat die Theater erreicht: Teams führen besser, Frauen führen besser. (Die Kollegen lachen.)

Holm Ich war neulich in der Industrie- und Handelskammer — ich fürchte, das wird noch dauern.

Tombeil Es steht aber fest, dass sich der Theaterbegriff geweitet hat, und damit sind die Inszenierungsformen pluralistischer geworden.

Können Sie denn bei Ihren Zuschauern noch voraussetzen, dass sie die Stücke des klassischen Kanons kennen?

Carp Nein. Man kann heute nicht erwarten, dass die Leute das Stück samt Inszenierungsgeschichte kennen. Damit kann man nicht mehr spielen, dann wird Theater Expertenkunst. Deswegen muss man aber nicht brav nur die Story erzählen, man wird sie mit jeder Inszenierung neu erfinden. Wir sind ja nicht da, um Fußnoten zu bebildern.

Dürfen Sie angesichts leerer Kassen in den Städten noch Inszenierungen riskieren, bei denen das Theater vielleicht leer bleibt?

Schmitz-Aufterbeck Ja. Wenn wir das nicht mehr wagen, dann können wir zumachen. Aber keiner will vor leerem Haus spielen.

Grosse Es ist natürlich eine Mischkalkulation. Erfolgreiche Stücke können sperrigere Stoffe ausgleichen.

Holm Natürlich muss man analysieren, was sich die Leute ansehen, aber für mich können Quoten nie die Hauptsache sein. In Berlin spielt diese Frage übrigens überhaupt keine Rolle.

Jahnke Außerdem muss man uns Zeit lassen. Man kann jemanden nicht nach der ersten Spielzeit anhand solcher Zahlen bewerten. Das Verhältnis zwischen Ensemble und Publikum wächst, reift, da muss erst Vertrauen entstehen.

Könnten Theaterfusionen helfen, den Finanzproblemen zu entkommen?

Schmitz-Aufterbeck Dabei entstehen große Reibungsverluste, finanziell bringt es aber fast nichts. Man muss sich nur Beispiele wie Wien ansehen, um das zu erkennen.

Tombeil Im Fußball fordert doch auch niemand, Schalke und Borussia Dortmund zu fusionieren. Das hat doch etwas mit Identität zu tun.

Holm Wer in Deutschland ein Theater schließt, reißt einer Stadt das Herz heraus. Im Festivalbereich aber ergeben Kooperationen Sinn.

Tombeil Wenn die Politik ehrlich wäre, würde sie sagen: Wir fusionieren, weil wir abbauen wollen. Theater zu schließen, ist eine politische Entscheidung. Wir haben keine Finanzkrisen verursacht, wenn trotzdem an Bühnen gespart werden soll, muss die Politik diese Entscheidung fällen — und dazu stehen.

Das Interview führten Annette Bosetti, Dorothee Krings und Lothar Schröder.

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(RP/pst)