Interview mit Jürgen Büssow: "Theater müssen kooperieren"

Interview mit Jürgen Büssow: "Theater müssen kooperieren"

(RP). Der Düsseldorfer Regierungspräsident Jürgen Büssow appelliert an die Städte in NRW, ihre Theater zusammen mit anderen Städten zu betreiben. Nur so lasse sich die Theaterversorgung im Land unter den derzeitigen finanziellen Bedingungen erhalten.

Erst erwägt Wuppertal, sein Theater zu schließen, jetzt Moers — stehen wir am Beginn eines Kahlschlags?

Büssow Nein, so muss es nicht kommen, wenn die Kultureinrichtungen in den verschuldeten Kommunen Bereitschaft zeigen, sich an den notwendigen Einsparungen zu beteiligen.

Viele Schauspielhäuser und Opern haben aber schon harte Sparrunden hinter sich und sind am Existenzminimum angelangt.

Büssow Dann müssen sie zum Beispiel über Kooperationen nachdenken, etwa in der Technik, beim Fundus, bei Personal, Bühnen, in der künstlerischen Arbeit. Es ist auch denkbar, dass Häuser nicht mit festen Ensembles arbeiten, sondern mit Gästen.

Das wäre das Ende der Idee von Stadttheater.

Büssow Ja, aber wenn man insolvent ist, wenn man nichts mehr hat, muss man über alles nachdenken. Und darum müssen wir uns fragen, wie wir eine kulturelle Grundversorgung sichern können. Das habe ich auch nie in Frage gestellt. Es gibt ja gute Theaterkooperationen, etwa zwischen Krefeld und Mönchengladbach, diese Möglichkeit sollte man also nicht schlechtreden. Manche Häuser können auch ihre Auslastung noch steigern. Das Schlosstheater in Moers zum Beispiel hat eine Auslastung von 59,5 Prozent, da ist also noch Spielraum. Wir müssen doch darüber nachdenken, wie wir in Zeiten der kommunalen Finanzkrise die kulturellen Strukturen retten können.

Bisher sind die Kommunen bei diesem Problem überforderte Einzelkämpfer.

Büssow Ja, das ist ein Problem. Darum müssen wir auf die Landkarte schauen. Nehmen wir Moers. Von da ist es nicht weit bis Duisburg oder Krefeld, die Bürger in Moers sind also nicht kulturell unterversorgt. Und die Kooperationsmöglichkeiten sind offensichtlich. Das geht aber nur, wenn auch die kulturellen Einrichtungen nicht mehr darauf beharren, allesamt Unikate zu sein. Andere Einrichtungen müssen auch kooperieren — zum Beispiel die allgemeinen Sozialdienste. Wir diskutieren mit den Städten auch über die Art und Weise, wie die sogenannten pflichtigen Aufgaben effizienter organisiert werden können. Dieser Diskussion dürfen sich auch die Kulturinstitute nicht verweigern.

Damit spielen Sie soziale gegen kulturelle Einrichtungen aus.

Büssow Nein, darum geht es nicht. Es geht darum, dass Kulturschaffende eloquent die Solidarität der Öffentlichkeit einfordern, aber Leute, die in Duisburg-Marxloh leben oder im Essener Norden, können ihre Interessen nicht so gut vertreten. Aber auch die brauchen eine Stimme. Denn die Kommunen müssen ja gerade auch entscheiden, ob sie die Nachhilfe für Kinder mit Migrationshintergrund streichen oder die Abendschule, an der Menschen ihren Schulabschluss nachholen können. Das sind existentielle Einrichtungen. Wir brauchen also eine Gesamtschau der kommunalen Leistungen, unter denen die Kultur eine ist, damit sich alle zusammensetzen und gemeinsame Konzepte entwickeln. Damit sage ich keinesfalls, dass die Kultur die Spardose der Kommunen sein soll.

Eigentlich diskutieren wir also darüber, was eine Kommune in Zukunft überhaupt noch ist.

Büssow Ja, wir sind mitten in dieser Debatte. Wuppertal zum Beispiel arbeitet gerade an einem Konzept, um die Theaterversorgung zusammen mit Remscheid zu sichern. Dazu will man das Tanztheater von Pina Bausch fortführen, die Region wird also nicht kulturell entleert, aber die Strukturen ändern sich. Notfalls muss man eben den Theaterbus wieder einführen.

Die Theater rechnen vor, dass Kooperationen oft nicht günstiger sind.

Büssow Ich kann nur sagen, wenn die Theater nicht kooperieren, dann werden sie tatsächlich vor der Frage stehen: Sein oder Nichtsein.

(RP)
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