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Dichter soll Herzogin Anna Amalia geliebt haben: Streit um Goethes wahre Liebe

Dichter soll Herzogin Anna Amalia geliebt haben : Streit um Goethes wahre Liebe

Erfurt (RPO). Mit einer spektakulären These trat der Jurist Ettore Ghibellino vor fünf Jahren an die Öffentlichkeit: "Goethes große Liebe war nicht Charlotte von Stein, sondern die Herzogin Anna Amalia von Sachsen-Weimar", sagte er. Jetzt will Ghibellino Beweise vorlegen.

Demnach sei Charlotte nur die "Strohfrau" gewesen, die für eine grandiose Täuschung habe herhalten müssen. In Wahrheit habe sich der 26-jährige Dichter gleich bei seiner Ankunft 1775 in Weimar in die zehn Jahre ältere Herzogin verliebt, die damals 36-jährige Mutter seines Freundes Carl August, behauptet der Autor.

Das ist die These - die Beweise sollen jetzt folgen: "Wir haben inzwischen Äußerungen von neun Zeitzeugen aus dem höfischen Umkreis, die mehr oder weniger offen darauf hinweisen, dass zwischen Goethe und der Herzogin etwas lief", wird Ghibellino im "Spiegel" zitiert. In den Archiven des Herrscherhauses sei allerdings generalstabsmäßig aussortiert worden: "Die Quellen sind vergiftet", ist er überzeugt. Wenn Ghibellino am Ende recht hätte, müssten Goethes Biografie umgeschrieben und seine Werke zum Teil neu interpretiert werden.

Dagegen nennt die Klassik Stiftung Weimar Ghibellinos Ansatz historisch fragwürdig und spricht von einem unreflektierten und manipulativen Umgang mit den Quellen. Seine These habe in der Fachwelt daher weder Interesse noch Unterstützung gefunden, erklärt die Stiftung.

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"Allerdings vermarktet der Autor mit seinem Buch geschickt das große Interesse an der Person Goethes, dabei auch voyeuristische Bedürfnisse des Publikums bedienend", hieß es. Seine "neue Weimar-Legende" sei eine "Erfindung des Autors".

"Der Lover der Herzogin! Diese Häme"

Ghibellino betont, dass Goethes Briefe an eine literarisch hochgebildete Frau gerichtet gewesen seien. "Das war Anna Amalia eher als Charlotte von Stein." Die loyale Hofdame von Stein habe die Aufgabe gehabt, der Herzoginwitwe dabei zu helfen, die brisante Affäre zu vertuschen. Die Täuschung sei durch mehr als 1.600 Briefe aufrechterhalten worden, die Goethe zum Schein an seinen "Engel" Charlotte von Stein geschrieben habe. Von dieser seien die brisanten Schriftstücke aber an die Herzogin übermittelt worden.

Die Geheimhaltung und die Vertuschung seien wichtig gewesen, meint Ghibellino. Goethe habe 1.200 Taler an Einkünften erhalten und sich bei vollen Ministerbezügen naturwissenschaftlichen Studien gewidmet. Da hatte ein Bekanntwerden der Affäre in der deutschen Literaturöffentlichkeit leicht für einen Skandal sorgen können: "Aha, nur deswegen das viele Geld, der Lover der Herzogin! Diese Häme! Unvorstellbar!", sagt Ghibellino.

Der umtriebige Deutsch-Italiener, der einen Freundeskreis von Gleichgesinnten um sich geschart hat, will am (kommenden) Freitag auf einer Pressekonferenz in der von ihm gegründeten "Anna Amalia und Goethe Akademie" Weimar eine Erwiderung auf die Stellungnahme der Klassik Stiftung vortragen und nach eigenen Worten auch Belege "über die wahrscheinlich intime Beziehung zwischen Anna Amalia und Goethe" liefern.

"Wie konnte die Affäre verborgen bleiben?"

Laut Klassik Stiftung arbeit Ghibellino allerdings "generell mit verkürzten, willkürlich aus dem Kontext und dem chronologischen Zusammenhang gerissenen Zitaten". Auch entwerfe er ein idealisiertes Bild Anna Amalias und stelle diesem ein möglichst negatives Bild der Charlotte von Stein gegenüber.

Der Literaturwissenschaftler Jörg Drews schreibt in dem Online-Kulturmagazin "Titel"", der Gedanke sei nicht von der Hand zu weisen, dass die als Übersetzerin und Komponistin aktive Anna Amalia eigentlich viel besser zu Goethes Naturell gepasst hätte als die feine, aber "etwas verkniffene" Charlotte von Stein. Ghibellino aber mache seine These selbst fast zunichte: So diskutiere er beispielsweise nie, wie in einem winzigen Städtchen wie Weimar eine solche Affäre hätte verborgen bleiben können. Und, wie es hätte möglich sein sollen, dass Goethe und Anna Amalie ihr "auf die Nächte beschränktes gemeinsames Leben" hätten führen können, ohne dass die Dienerschaft Anna Amalias etwas gemerkt hätte.

Man könne nur wünschen, Ettore Ghibellino werde "in die Zelle methodischer Ausnüchterung gebracht und müsse sich seine Thesen im kalten Lichte der Vernunft noch einmal verdammt gut überlegen", schreibt Drews. Vor allem müsse sich der Deutsch-Italiener sorgfältig fragen, "was nun wirklich ein wirklicher Beweis, ein möglicher Beleg, ein vager Hinweis oder eine entfernte Möglichkeit für seine Hypothese ist".

(ap)