Die letzten Mannfrauen vom Balkan Seit ihrem Schwur ein Mann

Im Norden Albaniens leben die letzten ihrer Art: man nennt sie die eingeschworenen Jungfrauen. Nach ihrem Eid haben sie in ihren Familien die Rolle von Männern übernommen, tragen Waffen, rauchen, verrichten körperlich schwere Arbeit und werden von Fremden nicht mehr als Frau erkannt. Eine Fotografin hat sich auf Spurensuche begeben.

Bildband "Sworn Virgins" - Mannfrauen vom Balkan
14 Bilder

Bildband "Sworn Virgins" - Mannfrauen vom Balkan

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Der Brauch ist Jahrhunderte alt und das dazugehörige, nur mündlich überlieferte Gesetz gilt immer noch im verlassenen Norden Albaniens. An die 40 der sogenannten Mann-Frauen leben noch dort. Sie sind nur noch im biologischen Sinne eine Frau. Ansonsten haben sie in ihrem Leben die Rolle eines Mannes angenommen — mit allen Rechten und Pflichten.

Die Fotografin Pepa Hristova hat sich auf nach Albanien gemacht und mit etlichen der "Sworn Virgins" gesprochen. Ihre Arbeiten sind nun in einem Bildband zu sehen. Ihre Porträts zeigen, wie sehr die vermeintlich eindeutigen Unterschiede zwischen den Geschlechtern verwischen, wenn sich kulturelle Eckpfeiler verschoben haben.

Diese Frauen bewegen und verhalten sich wie Männer, im Dorf sind sie als solche voll und ganz akzeptiert. Auch körperliche Merkmale einer Frau scheinen verschwunden zu sein. Die Hände sind breit und grob, die Brust flach, die Gesichter hart und gegerbt. Die Wissenschaft spricht in solchen Fällen von "Cross-Gender", also einer Art Zwischengeschlecht.

Das Gesetz, das es Frauen in Nordalbanien seit Jahrhunderten ermöglicht, ein Mann zu werden, hat ganz pragmatische Ursprünge. Oftmals brauchte die Familie ein neues Oberhaupt, nachdem alle Männer im Zuge einer Blutrache ausgelöscht wurden. Mit ihrem Eid, auf ewig ihre Jungfräulichkeit zu behalten, trat dann eine Frau an die Stelle des Clan-Chefs, der der Sippe in der archaischen Dorfgemeinschaft fortan Gesicht und Stimme gibt. Mitunter vermieden Mädchen mit ihrem Eid aber auch einfach nur, unerwünscht verheiratet zu werden.

Im Bildband "Sworn Virgins" erzählen einige dieser Frauen ihre Geschichte. Etwa die 80-jährige Osmani, die sich gar nicht mehr daran erinnern kann, wann sie ein Mann wurde. Ihr Vater war behindert, die Mutter krank und sie musste sich kümmern. Seitdem hat sie immer Männerarbeiten verrichtet. An weibliches in ihrem Leben kann sie sich nicht erinnern. Auch nicht an ihre Periode.

Der Bildband "Sworn Virgins" von Pepa Hristova ist im Kehrer Verlag erschienen, zeigt auf 160 Seiten mehr als hundert Fotografien und kostet 49,90 Euro.

(pst)