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"Ein Lied mehr zur Lage der Nation": Pop — deutsche Kulturgeschichte

"Ein Lied mehr zur Lage der Nation" : Pop — deutsche Kulturgeschichte

(RP). Endlich gibt es das Buch, das dokumentiert, wie stark Popmusik uns bewegt. Geschrieben hat es Sebastian Peters, 32 Jahre alt und Redakteur dieser Zeitung in Krefeld. In dem nach einer Liedzeile der Hamburger Band Blumfeld betitelten Band "Ein Lied mehr zur Lage der Nation" zeigt er, dass Schlager und Popsongs auf die Gesellschaft wirken und wie stark sie das tun, indem sie Stimmungen zum Ausdruck bringen und für Ahnungen Begriffe finden. Popmusik, sagt Sebastian Peters, haucht dem Zeitgeist Leben ein.

Das klingt zunächst mal nach Romantik, was soll ein Liedchen denn schon bewirken. Aber dann blättert man in diesem 400-Seiten-Werk, das nichts weniger ist als eine deutsche Kulturgeschichte seit 1940, und man erlebt die Jahrzehnte anhand von Songtiteln noch einmal: die 50er Jahre mit ihrer beschwichtigenden Schlagermusik und Freddy Quinn, die 60er mit Franz-Josef Degenhardt als Dekade der Subversion, die 70er, in der das populäre Lied bei aller Diskogefügigkeit sozialen Themen Gehör verschaffte ("Unter dem Pflaster liegt der Strand" von Schneewittchen), und die 90er, in denen die Sänger "ich" zu sagen lernten ("Ich — wie es wirklich war" von Blumfeld). Das Buch ist die Doktorarbeit des Literaturwissenschaftlers an der Uni Duisburg/Essen, aber es drückt kein akademischer Ballast. Im Gegenteil: Der Verlag, das Archiv der Jugendkulturen, hat es lesefreundlich eingerichtet, Künstlernamen sind rot abgesetzt, Zitate aus Songs und aus Quellen in Grün. Wichtige Plattencover werden abgebildet und liefern die Optik zur Musik, Fußnoten wurden in die Randspalten verlegt.

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Wie verblüffend Peters' Ergebnisse sind, zeigt etwa der Blick ins Jahr der Wiedervereinigung. Die Hitparade Westdeutschlands dokumentiert die Jubelstimmung: "Verdammt ich lieb' dich" von Matthias Reim steht dort auf dem ersten Platz — seit Jahren das erste deutschsprachige Stück auf der Spitzenposition. "Ganz anders sieht die Wahrnehmung der Wiedervereinigung in der DDR aus", schreibt Peters. "In der für das Jahr 1990 noch isoliert ausgewiesenen Hitparade ist das Lied ,Wohin?' der Gruppe Rockhaus Spitzenreiter der Charts." So einfach lässt sich die Skepsis beschreiben, die viele Ostbürger zu jener Zeit verspürten.

"Die Gruppe Ton, Steine, Scherben steht exemplarisch für die Verbindung von Pop und Musik", sagt Sebastian Peters. "Macht kaputt, was euch kaputt macht" und "Keine Macht für Niemand" heißen deren bekannteste Veröffentlichungen, und Peters sagt: "Die Partei ,Die Grünen' ist heute auch deshalb so populär, weil der Pop politischer wurde."

Ein anderes Beispiel stammt aus dem Jahr 2003: Die Berliner Gruppe Mia veröffentlichte die Single "Was es ist". Das Stück wurde viel diskutiert, weil es einen entspannteren Umgang mit dem Begriff der Nation forderte — was im Pop lange als anrüchig galt. "Inzwischen hat sich in dieser Hinsicht vieles normalisiert", sagt Peters, "auch dank Mia." All das erfährt man bei ihm auf unterhaltsame Weise. So ist dieses Buch ein Schmöker im besten Sinne, ein Lesebuch. Wer sich nur ein bisschen für aktuelle Musik, für den Soundtrack zum Leben interessiert, wird sich hier festlesen.

(RP)