1. Kultur
  2. Kunst

Kunstmesse Art Cologne: Neo Rauch jetzt als Bildhauer

Kunstmesse Art Cologne : Neo Rauch jetzt als Bildhauer

Köln (RP). Mehr als 200 Galeristen aus aller Welt stellen auf der Art Cologne Kunst von der klassischen Moderne bis zur Gegenwart vor. Schon lange war die Messe nicht mehr so aktuell. So sind eine bronzene Plastik und ein Großgemälde des Leipziger Künstlers erst im laufenden Jahr entstanden.

Die Stimmung war gut, das Publikum der Vernissage wirkte im Durchschnitt recht jung und dazu höchst interessiert, als die Art Cologne 2011 gestern erstmals den Blick auf ihre Schätze freigab. Vor allem im Obergeschoss, dort, wo die jüngste, schrägste, experimentierfreudigste Kunst ihren Auftritt hat, schien sich zu bestätigen, was Messechef Daniel Hug zuvor versprochen hatte: eine Art Cologne mit geschärftem Profil, mit zahlreichen ausländischen Galerien, die erstmals auf diesem Markt vertreten sind oder nach längerer Abwesenheit wieder teilnehmen.

Viele der mehr als 200 Aussteller zeigten sich zuversichtlich: Die Wirtschaftslage habe sich so weit stabilisiert, dass auch in den Kunstmarkt wieder Geld fließe.

Die Wahl allerdings, wie man denn nun sein Vermögen anlegen soll, wird manchen kaufbereiten Flaneur schon fast quälen. Malerei konkurriert mit Videokunst, Objekte stehen im Wettbewerb mit Installationen. Skulpturen, Fotografien und Zeichnungen sind in den Ausstellungskojen des Nachwuchses ebenfalls als höchst begehrenswerte Güter in Szene gesetzt.

Auf einem solchen Basar fällt vor allem Größe auf, auch ein großer Name. Die Galerie Eigen + Art (Berlin/Leipzig) schmückt sich mit Neo Rauch: mit der ersten Skulptur, die der Künstler jüngst erschaffen hat, und mit einem riesigen, breitformatigen Gemälde. Die bronzene Plastik stellt einen Zentauren dar, eine Mischung aus Mann und Pferd also, wobei das Vorderteil, ein Mann in Stiefeln, zwei Kanister trägt.

"Nachhut" heißt diese düstere, paramilitärische Szene, "Zähmung" dagegen das gemalte Panorama. Die Plastik, eines von drei Exemplaren, wird für 600 000 Euro angeboten, das Bild für 680 000. Kunst der Gegenwart ist sonst schon zu weitaus niedrigeren Preisen erhältlich, Aquarelle etwa lassen sich für 600 Euro erstehen.

In der Kunst gebe es keinen Fortschritt, sagt man. Mag sein, doch Entwicklung gibt es schon. Wie das Stillleben alter flämischer Meister in der Gegenwart neue Blüten treibt, das kann man am Stand von Tony Wuethrich (Basel) beobachten. Gabriella Gerosa lässt in gediegenen Holzrahmen nahezu unbewegliche Videokunst aufscheinen.

Ein Tulpenstrauß hat schon einen Teil seiner Pracht fallen lassen, Pfirsiche werden wohl über kurz oder lang ebenfalls Spuren der Vergänglichkeit aufweisen, und selbst das klassische Porträt kommt hier als Video daher: Das abgebildete Mädchen gibt mit Hilfe eines Wimpernschlags dann und wann ein Lebenszeichen.

Wem die Gegenwartskunst als Anlage zu riskant ist, wer lieber auf Kunst setzt, die bereits Anerkennung gefunden hat, wird sich auf der unteren Ausstellungsebene besser aufgehoben fühlen. Man braucht sich vom Eingang gar nicht weit fortzubewegen, will man sich einen Überblick darüber verschaffen, womit sich der Sammler von heute vorzugsweise schmückt.

Am Stand von Hans Mayer aus Düsseldorf macht sich Frühlingsstimmung breit: in Bill Beckleys Großfotografie von Blumen und in den frischen, duftigen Farben der Gemälde ringsum. Eine Skulptur von Frank Stella, "Night gown", korrespondiert mit Stella-Plastiken schräg gegenüber am Stand des Düsseldorfer Kollegen Hans Strelow.

Schönewald, gleichfalls aus Düsseldorf, bietet eine kleine Retrospektive zu Gerhard Richter mit Werken seit den 60er Jahren, dazu ein Panoramabild von Karin Kneffel, das einen irritierenden Blick aus einem Zimmer ins Wohnzimmer des Nachbarhauses ermöglicht.

Früher zählte die große deutsche, vor den Nazis nach London geflohene Galeristin Annely Juda (1914—2006) mit ihrer russischen Kunst des Konstruktivismus stets zu den ersten Adressen auf der Art Cologne. Jetzt stellt ihr Sohn David Kunst der nächsten und übernächsten Generation vor, von Anthony Caro und David Hockney, von David Nash und Kazuo Shiraga.

Die teuersten Ausstellungsobjekte finden sich jedoch wie immer in der Abteilung klassische Moderne. Henze und Ketterer (Wichtrach/Bern) bietet einen fulminanten, farbintensiven "Totentanz der Mary Wigman" (1926/28) von Ernst Ludwig Kirchner für 3,4 Millionen Euro.

Und sonst? Düsseldorfs weltweit wiederentdeckte Zero-Kunst tritt auch auf der Art Cologne an allen Ecken und Enden in Erscheinung: in Gestalt je eines Heinz-Mack-Raums bei Beck + Eggeling (Düsseldorf) und bei Samuelis Baumgarte (Bielefeld).

Es gibt auch etwas Ekliges, Provokantes auf dieser Messe: die 15 Polyester-Figuren des Spaniers Enrique Marty (Jahrgang 1969), die teils Hörner tragen, teils aus dem Gesicht bluten. "Furcht und Größenwahn in 15 verschiedenen Staaten", so hat der Künstler das von der belgischen Galerie Deweer offerierte Werk überschrieben. Einem der blutigen Männer ist der Kopf abgetrennt worden.

Kunst kann nicht immer schön sein — muss auch nicht.

(RP)