Nachruf auf den Designer Luigi Colani

Zum Tode von Luigi Colani : Der Designer der Zukunft

91-jährig ist der große Alleskönner in Karlsruhe gestorben. Seine Entwürfe reichen von der Küche bis zum Flugzeug.

Keine rechten Winkel, keine geraden Kanten – Luigi Colani verkörperte das Gegenteil des Bauhaus-Geistes. Er setzte dagegen auf Kurven, auf Dynamik, auf das Vorbild der Natur. In Jahrzehnten formte er Dinge, die ihrer Zeit weit voraus schienen, von der Kamera über die Küche bis zum Flugzeug. Jetzt ist der Alleskönner 91-jährig in Karlsruhe gestorben.

Colani war ein Paradiesvogel – ein Mensch, der auffiel nicht nur durch seine futuristischen Entwürfe, sondern auch durch sein Auftreten. Er trug Arroganz zur Schau, schimpfte auf die angeblichen Nichtskönner seiner Zunft und auf all die Verblendeten unter seinen Auftraggebern, die seine Entwürfe dann doch nicht in Industrieprodukte umzusetzen wagten.

Colanis Fantasie sprudelte seit seiner Kindheit dermaßen, dass sie auch für ein zweites Leben gereicht hätte. Und wenn er auch auf die Zauderer in den Chefetagen nicht gut zu sprechen war, haben doch viele seiner Ideen Gestalt angenommen und ein kaufendes Publikum gefunden. Sein der Hand angepasstes, windschiefes Bierglas ist da noch das Abseitigste.

Das neunteilige Teeservice "Drop" für den Porzellanwarenhersteller Rosenthal, mit einer Teekanne in Gestalt eines Tropfens, machte Design-Karriere, erhielt die Auszeichnung "Die gute Industrieform" und landete als Beispiel zeitgenössischen Designs in der ständigen Sammlung des Pariser Centre Pompidou.

Als einer von Colanis erfolgreichsten Entwürfen gilt die Spiegelreflexkamera Canon T90 von 1986. Deren ergonomische Form wurde zum Standard, auf dem noch heute die EOS-Digitalkameras basieren.

Als Gestalter von Fahrzeugen kam Colani meist nur im zweiten Glied zum Zuge. Die Autohersteller trauten dem Volk nicht zu, dass es sich für übermütig geschwungene Karosserien erwärmen könnte. Als Optimierer dagegen kam den Herstellern der Meister gelegen. Stromlinienförmig – das war seine Devise.

Noch viel weiter als bei Alfa Romeo, Citroen und VW war er seiner Zeit im Entwurf von Lastwagen voraus. Das Führerhaus eines Sattelschleppers wirkt da, als sei der elegante Koloss für einen Einsatz im Weltall geschaffen.

Auch andere Entwürfe lassen an Raumschiffe denken. Die "Kugelküche", die Colani 1970 für die Firma Poggenpohl entwarf, sah aus wie eine soeben gelandete Raumkapsel. Die Hausfrauen der Zukunft sollten auf einem Drehstuhl Platz nehmen und von dort die in eine orangefarbene Plastikverkleidung eingelassenen Hightech-Geräte dirigieren.

Das Gestaltungsfieber hatte den 1928 in Berlin geborenen Luigi Colani – eigentlich hieß er Lutz Colani – schon früh ergriffen. Seine Eltern, beide in künstlerischen Berufen tätig, bastelten ihm regelmäßig etwas vor, und er tat es ihnen gleich. Sein Weg führte ihn auf die Hochschule für Bildende Künste in Berlin, dann zu Studien von Aerodynamik und Philosophie nach Paris, von dort zu einem kalifornischen Flugzeughersteller und später nach Japan und China, wo er als Chefdesigner von Unternehmen arbeitete und endlich auf jene Offenheit gegenüber neuen Formensprachen traf, die er in Europa vermisste. Zuletzt arbeitete er in China an einem Elektro-Auto, dessen Produktion er selbst übernehmen wollte.

Bereits sein Vater hatte ihm geraten, stets in der Natur nach Antworten zu suchen. "Ich stellte Fragen", so sagte er, "und die Natur antwortete mir." Schon ein Blick auf ein Stück Gartenboden gebe ihm ungeahnte Anregungen zu Konstruktionen.

Luigi Colani hatte zwei Söhne und war seit Mitte der 1990er Jahre mit der Chinesin Ya-Zhen Zhao verheiratet. Sein Hauptwohnsitz war Karlsruhe. Dort starb er nach, wie es heißt, schwerer Krankheit – ein Feuerkopf, der Maßstäbe gesetzt hat.

(RP)
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