Museum unter Tage in Bochum: Im Rausch der Farben

Museum unter Tage in Bochum : Im Rausch der Farben

Das Bochumer Museum unter Tage zeigt Werke von 58 Künstlern über die Wirkmacht von Farben. Das reicht von Yves Kleins Blau bis zum Farbkreis aus Kleiderbügeln.

Die Wirkmacht von Farbe erlebte das Museum unter Tage gleich zu Ausstellungsbeginn buchstäblich. Kaum hatte das Bochumer Haus seine neue Schau eröffnet, geschah ein Malheur, das dem Titel der Ausstellung, „Farbanstöße“, unfreiwillig Ehre machte. Ein Besucher hatte sich etwas zu sorgenfrei auf eine Brüstung gestützt, darauf stand eine Schale voll blauem Pigment, die abrauschte und im letzten Moment von einer Museums-Mitarbeiterin aufgefangen werden konnte. Die Farbpigmente allerdings machten sich dabei selbstständig, tünchten Raum und Retterin blau, sodass letztere sich, um keine weiteren Werke zu gefährden, vorerst nicht vom Fleck bewegen durfte.

Mittlerweile ist die Arbeit rekonstruiert, die Schale, die Teil einer Soundinstallation von Rolf Julius ist, wurde entsprechend den Vorgaben neu aufgefüllt, die Brüstung durch einen standfesteren Sockel ersetzt. Sie steht wieder an ihrem Platz in einer ambitionierten Schau, die sich mit einem wesentlichen Ausdrucksmittel der bildenden Kunst auseinandersetzt: der Farbe.

Im 2015 eröffneten Museum unter Tage, das sich spektakulär unter einem Schlosspark erstreckt, beginnt die Ausstellung mit Landschaftsmalerei von Erich Heckel, Pierre Bonnard und Max Slevogt. Ab dem 19. Jahrhundert, so die Ausstellungsmacher, habe sich der Gebrauch von Farbe freier gestaltet als zuvor, was in Bochum nun exemplarisch vorgeführt wird. In Heckels „Park von Dilborn“ etwa ist die niederrheinische Gartenanlage nicht mehr die grüne Idylle zu blauem Himmel und weißen Wolken-Tupfern, sondern durch einen gelb-grau drohenden Horizont bestimmt. In der Landschaftsmalerei zeige sich, wie sich Farbe nach und nach vom Gegenstand löste und zum eigenständigen Bildthema wurde, sagt Kuratorin Maria Spiegel.

Den Dingen selbst widmet sich ein anderer Bereich der „Farbanstöße“. Dort sieht man etwa einen von Katinka Pilscheur geschaffenen Farbkreis aus Kleiderbügeln, sortiert nach Farbgruppen: von blau zu grün zu gelb, gegenüber von rot. Vom französisch-US-amerikanische Künstler Arman werden Arbeiten gezeigt, die den Malprozess selbst ausstellen. So brachte Arman etwa reihenweise Farbtuben – mit der Öffnung nach unten – auf einer Leinwand an, was ein paar schöne Schlieren ergab. Auto-Action-Painting sozusagen.

Von Medienkünstler Nam June Paik ist „The First 21st Century Painting“ ausgestellt: eine Staffelei samt Leinwand. Das Ensemble wurde von oben bis unten in den Farben des klassischen Fernsehtestbilds übermalt. In der Mitte der Leinwand wurde ein Rechteck ausgespart, durch das die Bilder eines kleinen Fernsehers flimmern. Signiert hat der Künstler die Arbeit übrigens – total analog – auf dem Pinsel, der auf der Staffelei abgelegt wurde.

Wie Farben mit Zuschreibungen und Bedeutungen aufgeladen werden, zeigt das einzige Kabinett, das sich ausschließlich einer Farbe widmet: dem Rosa. Terence Kohs „Rosa Winkel“, der groß auf eine Museumswand angebracht wurde, erinnert an die Verfolgung Homosexueller im Nationalsozialismus – einen solchen Winkel mussten Homosexuelle in deutschen Konzentrationslagern an der Kleidung tragen. Ab den 1970ern eigneten sich schließlich Homosexuelle den rosa Winkel an und machten ihn zum sichtbaren Zeichen der Schwulenbewegung. Aus dem lesenswerten Katalog zur Schau ist zudem zu erfahren, dass die Farbe Rosa, die bis heute mit Mädchen assoziiert wird, bis in die 1930er Jahre als Jungs-Farbe galt. Für Mädchen war blau vorgesehen.

Komplettiert wird die Ausstellung mit Josef Albers’ berühmten Farbflächen-Versuchen „Homage to the Square“; auch eine Arbeit von Yves Klein in dessen patentierter blauer Farbmischung „International Klein Blue“ wird gezeigt. Arbeiten von 58 Künstlern sind versammelt, darunter auch Sigmar Polke, Roy Lichtenstein und Frank Stella. Von Günter Fruhtrunk sind Großformate ausgestellt, die man ansieht und sich aus Reflex statt der Augen die Ohren zuhalten möchte. Die gelbe Farbe ist so schreiend grell.