Museum Schloss Moyland: Joseph Beuys - Hasengräber im Schloss

Museum Schloss Moyland : Beuys als Mahner für die Umwelt

Das Museum Schloss Moyland versucht Joseph Beuys zu erklären. Im Mittelpunkt stehen dessen „Hasengräber“, darunter eine Vision von der Wegwerfgesellschaft.

Traurig schauen die spitzen langen Hasenohren aus dem Schutt heraus, der Hasenkopf ist schon bedeckt von allerlei Unrat, zwischen dem man hier und da den Pelz von Meister Lampe entdeckt, der dort wie unter einem Grabhügel seine letzte Ruhestätte gefunden hat. Der Hase ist sorgfältig aufgebettet auf einem Sammelsurium aus Hölzchen, darüber Batterien, ein dicker gusseiserner Schwengel und Zigarettenkippen. Uhu-Tuben leuchten gelb aus dem Haufen heraus, der Propeller eines Kinderspielzeugs liegt wie hingefallen darüber. Pappecken von Kartons sind auf dem Hügel verstreut, unter dem der Hase liegt. Vor dem Hintergrund der Fridays-for-Future-Diskussion wirkt das „Hasengrab IV“, das Joseph Beuys 1964 schuf, wie die vorweggenommene Vision einer Wegwerfgesellschaft, die die Natur unter sich begräbt. Beuys als früher Mahner.

Sieben „Hasengräber“ baute Beuys Mitte der 1960er Jahre. Dabei kippte er nicht einfach den Papierkorb über den toten Hasen: alle Teile, auch die bunten Schnipsel der Eierschalen, sind fixiert, Beuys war bei der schichtweisen Verklebung sehr konzentriert und über Stunden beschäftigt, seinem Hasen den gebührenden Grabhügel zu schaffen. „Es sind alles nur Dinge aus meiner Arbeit und nur Dinge, die ich in meiner unmittelbaren Umgebung zur Verfügung habe“, sagte Beuys in einem Interview 1979. Vier dieser plastischen, teils tischgroßen Arbeiten sind im Besitz des Museums Schloss Moyland und stehen jetzt im Mittelpunkt der Ausstellung „Joseph Beuys. Hasengräber“ in einem Flügel des Schlosses. Jedes Grab ist Mittelpunkt eines Saales, der sich mit Plastiken, Zeichnungen, Zeitungen und Fotografien einem Themenfeld des Künstlers befasst und versucht, den Besuchern den Beuys zu erklären.

Wie innig Beuys mit dem Hasen verbunden war, erzählt die Umgebung von „Hasengrab IV“: Auf einer Grafik schreibt er als Statement mit krakeliger Druckschrift: „Beuys is a Hare“ (Beuys ist ein Hase). „Für mich ist der Hase das Symbol für die Inkarnation, Denn der Hase macht das ganz real, was der Mensch nur in Gedanken kann. Er gräbt sich ein, er gräbt sich einen Bau. Er inkarniert sich in die Erde, und das allein ist wichtig“, sagt Beuys 1971. Dass nicht Hasen, sondern Kaninchen in Bauen wohnen, ist dabei nicht so wichtig. Und dass er Hase und Kaninchen auch als Festtagsbraten zubereitet, ist für ihn selbstverständlich.

Der Hase ist auch Teil seiner Aktionen, wie in der Galerie Schmela 1965, wo er, seinen Kopf über und über mit Blattgold bedeckt, dem toten Hasen die Bilder erklärt. Er trägt ihn von Werk zu Werk, bevor die Besucher in die Galerie dürfen. Von dieser Aktion zeugen „Reliquien“ in einer Vitrine und Fotos von der Aktion. Es gibt dazu Hasenzeichnungen, Grafiken, und ein mit weichem Beuys-Strich gezeichneter Akt als Bunny ist augenzwinkernd ebenfalls dabei.

In einem anderen Saal geht es um die Künstlerkollegen von Beuys, die er mit kleinen Arbeiten ehrte oder karikierte, interpretierte. So hatte der Maler Lucio Fontana Ende der 1950er Jahre begonnen, seine Leinwände mit einem Messer zu schlitzen – Beuys widmet ihm deshalb drei Blechdosen mit jeweils einem Schlitz im Deckel: „Fontana-Dose I bis III“. Mit Witz nähert sich der Künstler dem damals schon großen Henry Moore mit seinen runden Formen: Aus einem geknoteten Gummiband in einem Papier-Döschen machte er eine „Plastik von Moore von Beuys“, die 1960 entstand. Es geht um Moores Erforschung und Streckung von Material und Raum. Wie ein Gummi eben. „Wir wollen zeigen, wie sich Beuys in den 1960er Jahren in Auseinandersetzung mit damals aktuellen Entwicklungen der Kunst positioniert hat“, sagt Alexander Grönert. Der Moyländer Kunstwissenschaftler hat die Ausstellung eingerichtet. Er geht davon aus, dass die Hasen in den Gräbern auch aus Aktionen stammen. „Hasengrab II“ ist geradezu kubistisch, bildet aus gequetschten Farbtuben eine Art Würfel. Den Hasen darin kann man nicht ausmachen. „Hasengrab I“ hat er mit weißer Farbe abgetönt. „Hasengrab III“ wiederum wirke wie ein etruskischer Grabhügel, sagt Grönert.

Bleibt der Blick auf den im Unrat begrabenen Hasen und auf Beuys den Mahner. 1979 gehörte der Künstler zu den Gründungsmitgliedern der Grünen. Beuys fand, dass es an der Zeit war, eine ökologische Partei zu gründen.

Mehr von RP ONLINE