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Museum Ludwig in Köln: Ausstellung „Vor Ort. Fotogeschichten zur Migration"

Ausstellung im Museum Ludwig : Migranten öffnen ihre Fotoalben

Das Kölner Museum Ludwig bietet einen einzigartigen Einblick ins Berufs- und Privatleben von Arbeitsmigrantinnen und -migranten seit den 1960er Jahren. Schauplätze sind vor allem Köln und Duisburg.

In Köln gibt es ein Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland. Es verfügt zwar noch nicht über ein eigenes Haus, jedoch über zahlreiche Foto-Schätze und vor allem über gute Kontakte zu denen, die auf den Auslöser gedrückt haben. Ohne Hilfe des DOMiD wäre die neueste Ausstellung des Kölner Museums Ludwig sicherlich nicht zustande gekommen: „Vor Ort. Fotogeschichten zur Migration".

Besucher von Fotoausstellungen kennen das: Wenn man sich von einer Aufnahme angesprochen fühlt, wüsste man gern mehr über die dargestellten Menschen und Dinge als das, was der karge Titel neben dem Bilderrahmen hergibt. Die Kölner Ausstellung löst das Problem elegant. Neben den Fotografien an den Wänden finden sich die Motive noch einmal anfassbar auf Pappe. Wer die Kopien umdreht, dem erzählen die abgebildeten Menschen ihre Geschichte.

Es sind Frauen und Männer, die seit Mitte der 1950er Jahre nach Deutschland kamen, um ihren in der Heimat zurückgebliebenen Familien durch Arbeit in der Fremde ein wenig Wohlstand zu verschaffen. Integration war nicht vorgesehen. Das „Ausländergesetz" von 1965 legte fest, dass Bürgerinnen und Bürger aus Nicht-EWG-Staaten – damals alle Anwerbeländer außer Italien – nur ein Aufenthaltsrecht von einem Jahr hatten. Wer in dieser Zeit seine Arbeit in Deutschland verlor, der verlor zugleich seinen Platz in einem Wohnheim oder einer Wohnbaracke und dazu das Aufenthaltsrecht.

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Wie die damals sogenannten Gastarbeiter sich in diesem ungemütlichen, allerdings offenbar auch dehnbaren Rechtsrahmen einrichteten, davon erzählen die zumeist schwarz-weißen Fotos, die sie gern auf dem zwei- bis dreiwöchigen Postweg nach Hause schickten und die jetzt in Köln zu sehen sind.

 Onur Dülger vor dem Ford-Arbeiterwohnheim am Tag seiner Trauung, 1965.
Onur Dülger vor dem Ford-Arbeiterwohnheim am Tag seiner Trauung, 1965. Foto: Onur Dülger/DOMiD-Archiv, Köln

Es sind allesamt inszenierte Fotografien. Gemeinsam ist ihnen die Botschaft: Wir Männer oder wir Frauen halten zusammen, in unserer Freizeit erleben wir gelegentlich sogar etwas Schönes, vor allem aber vermissen wir euch sehr. Ja, wir haben Heimweh.

Der Elektriker Yücel Ascioglu kam 1969 aus der Türkei zu den Ford-Werken nach Köln und fand dort zunächst in einem Wohnheim des Autoherstellers Unterkunft. „Ich war in Köln", so berichtet er, „als mein Sohn Levent 1972 geboren wurde. Meine Frau aber war in der Türkei. Als wir hörten, dass mein Sohn geboren worden ist, feierte ich mit den Freunden Ibrahim, Metin und Zeki im Wohnheim." Diese Geschichte ging glücklich aus. Im selben Jahr kam nämlich seine Frau mit zwei Kindern nach, und die Familie bezog eine Wohnung in Köln-Nippes. Fotos erzählen von der Geburtstagsfeier ebenso wie von einem Ausflug der Freunde nach Paris in einem angejahrten Ford.

Als die Griechin Asimina Paradissa 21-jährig aus einem Steinbruch in ihrer dörflichen Heimat nach Wilhelmshaven wechselte, bei Olympia Schreibmaschinen herzustellen begann und später in Wuppertal Autoschlösser für Bomoro fertigte, drückte sie Kollegen und Passanten immer wieder ihre Kamera in die Hand. So zählt sie zu den bestdokumentierten Migrantinnen der Schau.

Nicht alle Migranten fanden ihre Erfüllung allein in Familie, Arbeit und den Annehmlichkeiten des deutschen Lebensstandards. Als der Türke Tayfun Demir 1976 nach Duisburg kam, baute er dort ein „Mobiles Informations- und Beratungszentrum für türkische Familien" auf. In Bruckhausen lernte er den Alltag türkischer Arbeiter kennen. Seine Fotografien zeigen Migranten nicht als anonyme Funktionierende, wie sie auf den Hochglanzbildern der Werkszeitschriften erscheinen, sondern als Demonstranten, die sich in Deutschland nicht mehr alles gefallen lassen.

Denn die Arbeitsplätze, die den Migranten vorbehalten waren, bargen teilweise erhebliche Gefahren. Guenay Ulutuncok ließ sich von Ford ein Foto-Projekt genehmigen. Darin zeigt er unter anderem, wie die Arbeiter mit ihren Händen Lackreste entfernten: „Nach 20 Minuten war der Lack überall. So eine gefährliche Arbeitssituation wäre heute nicht denkbar – mit Maske, aber ohne Augenschutz“.

Im Vergleich mit den lebendigen Amateurfotos wirkt die professionelle Fotografie der Ausstellung seltsam distanziert, ob Chargesheimer, Candida Höfer oder Eusebius Wirdeier. Man merkt: Sie waren Beobachter, keine Betroffenen.

Seltsam auch dies: Die Migrantinnen und Migranten bleiben auf den Fotos national unter sich: geschlossene Gesellschaften mitten in Deutschland.