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Museum Folkwang: Ausstellung in Essen befasst sich mit Roboter-Menschen

Ausstellung : Der Mensch wird konstruiert

Eine fesselnde Ausstellung im Essener Museum Folkwang befasst sich mit Roboter-Menschen, Künstlicher Intelligenz und der Frage, ob Menschen dereinst ersetzbar sind. Selten bietet eine Schau so viel Abwechslung wie diese.

Schon immer eilte die Vorstellungskraft der Menschen der Gegenwart voraus. Die Science-Fiction schöpft daraus ihre Stoffe, und auch die Fantasie bildender Künstler entzündet sich daran – heute mehr denn je. Wie weit nicht nur die Entwicklung von Robotern und künstlicher Intelligenz gediehen ist, sondern auch das bildliche Nachdenken darüber, das offenbart sich jetzt in einer fesselnden Ausstellung des Essener Museums Folkwang: „Der montierte Mensch“, ein Panoptikum, das vom Fortschrittsglauben der Künste am Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur heutigen Angst des Menschen vor einem künstlichen Ebenbild reicht.

Selten bietet eine Ausstellung so viel Abwechslung wie diese. Beim Streunen durch die Räume in fast beliebiger Reihenfolge fühlt man sich wie beim Insel-Hopping: anlegen, staunen und weiter schippern. Nur mit dem Unterschied, dass die Szenarien, die sich den Reisenden bieten, immer irrsinniger, beängstigender werden.

Die ersten Stationen sind noch vom Glauben an den Fortschritt durch Technik bestimmt. Der spricht zum Beispiel aus Heinrich Kleys Gemälde „Tiegelstahlguss bei Krupp“. Doch dieses Motiv, die kleinen, vom Feuerschein erhellten Arbeiter vor hoch aufragenden eisernen Gerüsten und Geräten, scheint einen stillen Hinweis auf die Zukunft zu enthalten: die Befürchtung, dass irgendwann Maschinen auch ihren Job übernehmen könnten.

Noch aber überwiegt ringsum das utopische Moment des italienischen Futurismus, die Begeisterung über die Technik und die Überzeugung, dass „ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint“, schöner sei als die Nike von Samothrake. Der Italiener Fortunato Depero ließ in seinem Gemälde eines Motorradfahrers den Menschen mit seiner Maschine verschmelzen.

Ähnlich fortschrittsgläubig wie die Kunst aus dem Kreis um Mussolini wirkt die nachrevolutionäre Kunst der russischen Avantgarde. Ob Alexander Rodtschenkos abstrahierte Roboter oder El Lissitzkys Entwurf für sein Gesamtkunstwerk „Sieg über die Sonne“ – aus allem spricht Enthusiasmus für eine Mechanisierung der Welt. In Deutschland sah man das Thema zwiespältig. Während Oskar Schlemmer in seinem „Radio-Zauberer“ Figurinen für ein Ballett der Weltharmonie erschuf, wirken Erwin Wendts Zwitter aus Maschine und Mensch schon kritisch gegenüber dem Glauben an die angeblich so segensreiche Mechanik. In den schwarz-weißen Holzschnitten von Gerd Arntz werden roboterhafte Menschen vollends zum Spiegel des „Dritten Reichs“, Soldaten, die ihre Kanonen parallel zu Hitlers erhobenem Arm ausrichten. In dieselbe Kerbe haut John Heartfield mit seiner röntgenhaften Hitler-Karikatur „Adolf der Übermensch, schluckt Gold und redet Blech“.

So regte sich gegen die Verherrlichung der Maschinenmenschen durch die Avantgarde bald Widerstand. In der Nachkriegszeit setzte sich der kritische Blick vollends durch. Man deute nur Roy Lichtensteins „Studie für Bereitschaft“, einen bitteren Kommentar zum Vietnam-Krieg und zur Anonymisierung der Soldaten: Aus dem Gemälde mit Lichtenstein-typischen Rasterpunkten stechen sieben Männer mit gelben Helmen, Uniformen und gleichförmigen Gesichtern hervor. Auch Thomas Ruffs Großfotografie „Maschine 0946“ wirkt wie eine Aneinanderreihung mechanischer Soldaten, obwohl es sich um Werkbänke handelt. Und Konrad Klaphecks stilisierte Fräsmaschinen auf flammend rotem Grund, „Der Krieg“, beziehen sich – wie der Düsseldorfer Künstler einmal verriet – auf einen Bombenangriff auf Leipzig, bei dem die Villa der Großeltern in Flammen aufging. Der Achtjährige erlebte dies in Verkennung der Tatsachen als packendes Schauspiel.

Je mehr man sich im Insel-Hopping verliert, desto weiter entfernt sich die Ausstellung von der Mechanisierung, desto näher rückt sie die Entstellung des menschlichen Körpers durch Eingriffe, die Themen Kybernetik, Künstliche Intelligenz (KI) und Digitalisierung in den Blick. Kiki Kogelnik zeigt pop-artig den von ihr zerlegten weiblichen Körper als Produkt und reflektiert die Eingriffe ins weibliche Hormonsystem durch die Antibabypille. Anne-Mie van Kerckhoven wie auch Rebecca Horn veranschaulichen in Malerei und Objekt die Vermessung weiblicher Körper mit dem Ziel, sie tauglich für die Digitalisierung zu machen. So lassen sich Körper durch Avatare ersetzen, gesellschaftliche Entscheidungen dem Hoheitsgebiet der Künstlichen Intelligenz übertragen. Am Ende der Schau zerstückelt der Objekt-Künstler Josh Kline einen nachgebildeten Körper und sortiert ihn in die Fächer eines Reinigungswagens ein. Unweit davon verrichtet ein Zeichenroboter von Patrick Tresset seine grenzenlose Tätigkeit.

Werden Maschinen und Software den Menschen ersetzen? Anna Fricke, neben Nadine Engel Kuratorin der Schau, glaubt nur teilweise daran. Kunst und anderes, das der Fantasie bedarf, werde man der immer bloß sich selbst reproduzierenden und kombinierenden KI wohl nicht entlocken.