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"Monobloc": Der Plastikstuhl wurde eine Milliarde mal verkauft

Erfolgsmodell „Monobloc“ : Ein Stuhl für die Welt

Eine Milliarde Exemplare des Monobloc sind im Umlauf. Manche verachten den Plastikstuhl als Umweltsünde und ästhetischen Unfall. Doch die Wahrheit ist komplizierter.

Dieser Stuhl ist überall. Er steht in Straßencafés und Kleingärten, in Schulen und Parks. Der libysche Machthaber Gaddafi saß darauf, als er 2010 versonnen auf den tansanischen Präsidenten wartete. Der Stuhl ist auf Folterbildern aus Abu Ghraib zu sehen. Es gab ihn in dem Erdloch, in dem Saddam Hussein von US-Truppen im Irak gefunden wurde. Und Horst Ehrmanntraut, der damalige Bundesligatrainer von Eintracht Frankfurt, zog ihn Mitte der 1990er-Jahre zur Spielbeobachtung der Auswechselbank vor. Er könne sich auf diesem Stuhl einfach besser konzentrieren, sagte er.

Monobloc heißt der Plastikstuhl, der immer schon da ist, wenn Menschen sich irgendwo versammeln. Seinen Namen hat er von dem Spritzgussverfahren, in dem er hergestellt wird: Man fertigt ihn in einem Stück aus rund zwei Kilogramm Polypropylen, das bei 220 Grad flüssig gemacht und in eine Form gepresst wird. Die schnelle Produktionszeit von 55 Sekunden und sein günstiger Preis von um die zehn Euro machen ihn zum meistverbreiteten Möbelstück der Welt. Die Stuhlbeine gehen in die Armlehnen über und fächern sich in Rückenlehne und Sitzfläche auf. Um Material zu sparen, denken sich manche Hersteller verwegene Lochmuster aus. Meistens taucht er in der klassischen weißen Variante auf. Es gibt ihn aber in allen Farben und vielen verschiedenen Formen. Stapelbar, leicht zu reinigen. Eine Milliarde Exemplare sollen in Umlauf sein.

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Der Monobloc ist ein Nebendarsteller der Weltgeschichte. Wer einmal auf ihn aufmerksam geworden ist, bemerkt ihn in der Tagesschau, auf Familienfotos und im Urlaub. Everychair. Und weil das Ding die entlegensten Plätze der Gegenwart erreicht, eignet es sich großartig als Symbol für unsere Zeit. Es steht für die Sonnen- und die Schattenseiten der Konsumgesellschaft. Und es kann helfen, klarer auf die Welt und ihre Zusammenhänge zu schauen.

 Der „Monobloc“ in Hamburg. Aus dem Film „Monobloc. Auf der Spur von einer Milliarde Plastikstühlen“.
Der „Monobloc“ in Hamburg. Aus dem Film „Monobloc. Auf der Spur von einer Milliarde Plastikstühlen“. Foto: Verleih Salzgeber

In der westlichen Welt lautet das Urteil über diesen Stuhl zumeist so: ästhetischer Unfall, Klimakiller. Er wird verachtet. Aus den Innenstädten von Bern, Basel und Bratislava wurde er wegen akuter Hässlichkeit zeitweise verbannt. Ein lächerlicher Artikel, der die Welt überschwemmt und uniform macht. So dachte auch Hauke Wendler. Der Filmemacher war fasziniert von der enormen Verbreitung des Monobloc. Er begann zu recherchieren, und das Projekt weitete sich. Soeben ist sein Dokumentarfilm über den Stuhl ins Kino gekommen. Zudem gibt es eine sechsteilige Podcast-Serie und einen Bildband. Er sagt: „Mein Blick auf den Monobloc hat sich verändert.“

Der Stuhl versinnbildliche unsere Ahnungslosigkeit, findet Wendler. In Indien oder Uganda bewerte man ihn nach anderen Maßstäben. Die indische untere Mittelschicht habe bis weit in die 1980er-Jahre auf dem Boden gelebt, berichtet Wendler. Mit dem Aufkommen des Monobloc habe sich das geändert. Heute sitzt sie auf Stühlen. Man verstehe dort gar nicht, was wir gegen den Monobloc hätten, so Wendler: Es sei doch gut, dass es ihn gebe. Nun habe man etwas, auf das man sich setzen könne.

Wendler hat vor einiger Zeit mit Freunden Urlaub auf Formentera gemacht. Sie aßen dort oft gemeinsam in einem Restaurant, sie schauten aufs Meer und saßen dabei auf Monoblocs. Es sei wunderbar gewesen. Nach seiner Rückkehr schlug ein Kollege nach einem langen Drehtag in Berlin vor, rasch etwas zu essen. Sie hielten sich in Hellersdorf auf, und das Praktischste wäre gewesen, zum nächsten Imbiss zu gehen. Sie hätten dort auf Monoblocs gesessen, aber der Anblick des Lokals sei so trübe gewesen, dass man lieber doch nichts aß. „Es war derselbe Stuhl, der an zwei unterschiedlichen Plätzen für völlig andere Reaktionen sorgte“, sagt Wendler.

 Der „Monobloc“ in Hamburg. Aus dem Film „Monobloc. Auf der Spur von einer Milliarde Plastikstühlen“.
Der „Monobloc“ in Hamburg. Aus dem Film „Monobloc. Auf der Spur von einer Milliarde Plastikstühlen“. Foto: Verleih Salzgeber

Seit den 1920er-Jahren wurde damit experimentiert, Stühle aus einem Stück herzustellen. Vorläufer des Monobloc waren der 1959 von Verner Panton entworfene Panton Chair und der Bofinger-Stuhl von Helmut Bätzner aus dem Jahr 1964. Der Franzose Henry Massonnet konzipierte den Monobloc zunächst als Designobjekt für die höheren Stände. Er nannte ihn „Fauteuil 300“ und gab ihn Anfang der 1970er-Jahre in Produktion. Und weil wegen der Ölkrise Polypropylen teuer war, kostete ein Exemplar damals umgerechnet 165 Euro. Sein Erfinder versäumte, das Objekt patentieren zu lassen. Und so verdiente das große Geld mit der Massenproduktion vor allem eine Fabrik in Norditalien. Die Proserpio-Brüder veränderten das Aussehen leicht und gossen Hunderttausende Exemplare.

Der Monobloc steht in Afrika in Schulen. In Fabriken ruhen sich Arbeiter darauf aus. Ladenbesitzer in Brasilien gruppieren ihre Waren um ihn herum. In Krankenhäusern werden Patienten darin behandelt. In den USA fand Filmemacher Wendler die Organisation „Free Wheelchair Mission“, deren Mitarbeiter den Monobloc auf ein Metallgestell mit Rädern montieren. Der von Don Schoendorfer erfundene „Gen One“ ist der billigste Rollstuhl der Welt. 1,2 Millionen Mal wurde er bisher verteilt, und er ermöglicht Menschen etwa in Uganda ein aktives Leben und Teilhabe am Alltag.

„Wenn wir uns einer Sache sicher sind, ist das manchmal nur die halbe Wahrheit“, hat Wendler erfahren. Er wollte für seine Dokumentation Monoblocs auf Müllkippen in Afrika filmen. Auf keiner Halde gab es diesen Stuhl jedoch. Er ist so wertvoll, dass er geflickt wird, bis es nicht mehr geht. Und auch danach kann man ihn noch verkaufen. Händler sammeln ihn ein, zerhacken ihn mit Macheten und verkaufen die Reste an Fabriken, die sie zu Granulat für die Produktion neuer Stühle mahlen: „Der Stuhl wird nur bei uns weggeworfen. Nur wir leisten es uns viel zu häufig, ihn nicht zu recyceln.“

Der Monobloc birgt eine Geschichte. Sie handelt davon, wie unterschiedlich Menschen mit Dingen umgehen. Wie unterschiedlich die Schlüsse sind, die sie aus der Betrachtung von Gegenständen ziehen. Ästhetik ist bisweilen ein scheinbarer Wert, der Leute dazu bringen soll, etwas zu kaufen. Dabei geht es in Wirklichkeit um viel mehr.

Wegwerfartikel oder Wertgegenstand? Der letzte Satz von Wendlers Film lautet: „Was am Ende zählt, ist nicht der Stuhl, sondern dass man sitzt.“